Libanon mit dem Auto im August 2020

Update 06.10.2020

 

 

Mal schnell in den Libanon

 

Kurz nach der Explosion im August 2020

Mein kühner Weg in ein neues Abenteuer

Mit meinem Freund fahre ich durchs Land

 

Aufgeschrieben von Wilfried „BikeMan“ Virmond

 

Die geschilderten Ereignisse beruhen auf wahren Begebenheiten

Text und Fotos gleichermaßen für Vollautomaten wie Siebträger geeignet

 – Inhalt allergiegetestet und von Petra geprüft –

 

Warnhinweis: Sorry, ich bin altmodisch und verwende deshalb größtenteils die alte Rechtschreibung.

Wer sich damit nicht abfinden möchte, sollte bitte nicht Weiterlesen.

(Hinzu kommt meine eigene persönliche Rechtschreibung…)

 

 

Unsere Reiseroute im Libanon                                                                  © google.de/maps     

A = Beirut Flughafen  •   B = Sidon  •   C = Nassibs Zuhause   •   D = Zahlé    •   E = Baalbek   •   F = Bechwat

 

 

Ende Juli 2020, mitten im Corona-Chaos.

Mein guter Freund Nassib im Libanon hat mich schon oft zu sich in den Libanon eingeladen. Und weil er dies ebenso oft getan hat wie ich ihm abgesagt habe, habe ich nun endlich nachgegeben. Fünf unendlich lange und langweilige Monate ohne große Reisen liegen hinter mir. Es gab lediglich eine kurze (und schöne) Motorradtour für ein paar Tage nach und in  Thüringen. Und ein Wohlfühltrip in den Odenwald.

Im Libanon gibt es aktuell nur ganz, ganz wenige Coronafälle. Deshalb: Corona hin, Corona her, ich will nicht mehr nur zuhause blöd rumsitzen und mir die Eier oder sonst was kraulen lassen, nein, ich habe kurzfristig einen Flug nach Beirut gebucht, was wirklich ganz einfach war, aber dabei nichtahnenkönnend, daß der diesmal ausgesuchte Termin gar nicht ungünstiger hätte sein können. Aber erst einmal bin ich freudig erregt und angenehm erwartungsvoll gestimmt.

 

Übrigens, bei spiegel.de habe ich eine Definition gelesen, die ich Euch hier nicht vorenthalten möchte:

Coronavirus: Coronaviren sind eine Virusfamilie, zu der auch das derzeit weltweit grassierende Virus Sars-CoV-2 gehört. Da es anfangs keinen Namen trug, sprach man in den ersten Wochen vom „neuartigen Coronavirus“.

Sars-CoV-2: Die WHO gab diesem neuartigen Coronavirus den Namen „Sars-CoV-2“ („Severe Acute Respiratory Syndrome“-Coronavirus-2). Mit der Bezeichnung ist das Virus gemeint, das Symptome verursachen kann, aber nicht muss.

Covid-19: Die durch Sars-CoV-2 ausgelöste Atemwegskrankheit wurde „Covid-19“ (Coronavirus-Disease-2019) genannt. Covid-19-Patienten sind dementsprechend Menschen, die das Virus Sars-CoV-2 in sich tragen und Symptome zeigen.

 

 

Mittwoch, 05.08.2020 (Ein Tag vor meiner Abreise)

Bei dem schönen sonnigen Wetter will ich sowieso eine kleine Motorradtour machen und fahre am späten Vormittag die hundert Kilometer zum Frankfurter Flughafen und parke im benachbarten „The Squaire-Parkhaus“, um mich dann dort mittels „Squaire Metro“, der führerlosen Bahn, und zu Fuß zum Übergang zwischen Fernbahnhof und Terminal 1 zu bewegen und dann in dem ganzen Gedrängel den doofen Corona-Test machen zu lassen. Zurück geht’s dann über teilweise schmale Sträßchen durch den Taunus und mit der Fähre über den Rhein nach Hause.

Wikipedia (von mir gekürzt): „The Squaire ist ein 660 Meter langes, bis zu 65 Meter breites und 45 Meter hohes Bürogebäude […]. Es wurde zwischen 2007 und 2011 über dem bestehenden Fernbahnhof am Frankfurter Flughafen gebaut und schafft zusätzliche Fläche für Büros, Hotels und Einzelhandel. Durch einen [brückenähnlichen] Verbindungsgang ist The Squaire direkt an das Terminal 1 des Flughafens angebunden. Mit einer Gesamtmietfläche von 140.000 m² gilt The Squaire als größtes Bürogebäude Deutschlands. Das Gebäude verfügt über eine eigene Großempfänger-Postleitzahl 60600. […]“

Zusatz von mir: Die Baukosten sollen ca. 1,25 Milliarden Euro betragen haben. Das Gebäude soll dann 2019 für ca. 940 Mio Euro an eine andere Besitzergruppe verkauft worden sein.

Ich muß mich am Ende einer langen und langsamschleichenden Warteschlange anstellen, (ja, ich weiß es, „langsamschleichend“ ist doppelt gemoppelt), und stehend fortbewegen (ich meine „im Stehen“, es gibt nur am Ende kurz vor der Teststelle ein paar wenige Stühle).

Man sieht jetzt im TV ständig diese langen Warteschlangen. Könnte man nicht, da wo’s geht, Stühle aufstellen und die Leute Wartenummern ziehen lassen??

Solche Gedanken kommen einem halt, wenn man derart gequält wird. (Wenn ich nicht unbedingt muß, werde ich in Zukunft solche Corona-Test vermeiden! Die können mich mal…!)

Klar, logisch, wir sind ja alles „Bettler“, daher ist das ganze Prozedere hier überaus unfreundlich und kaltherzig. Unprofessionell sowieso. Alte Leute, kranke Menschen, Eltern mit Kindern und Kleinkindern, aber auch alle anderen müssen hier sehr viel Geduld und Kraft mitbringen. Der Test selbst (Abstrich mittels zweier Tupfer im Rachen) dauert dann noch nicht mal fünf Minuten. (Das dafür tätige Unternehmen erscheint mir ebenso groß wie umständlich; die Homepage strotzt vor Fehlern.)

 

 

Nach fast zwei Stunden darf ich erlöst wieder heimfahren. Die Warteschlange ist unterdessen noch länger geworden.

 

 

Das Ergebnis erhalte ich immerhin wie versprochen später am Nachmittag per Mail. Es ist negativ.

Also alles okay, die Show kann beginnen. Drei Wochen Abenteuer in einem mir bisher noch unbekannten Land erwarten mich. Und ich wollte doch schon immer in den Libanon. (Vietnam wäre auch noch so ein Wunschziel für mich. Aber ob ich da noch hinkommen werde?? Meine Restlebenszeit läuft beängstigend schnell ab…)

 

Donnerstag, 06.08.2020

Donnerstagsmorgens stehe ich unausgeschlafen, leicht beklommen und etwas sorgenvoll auf; ich bin ein bißchen besorgt, ob auf meinem Trip alles gutgehen wird und was mich da so erwartet. Derart unangenehme Voraussetzungen hatte ich ja schließlich bisher noch nie zu Beginn einer neuen Reise: Nur zwei Tage zuvor hat die katastrophale Explosion im Hafen Beiruts dort alles zerstört. Und die Corona-Vorschriften im Flieger und in den beiden Flughäfen sind auch reichlich „verschwommen“. Außerdem muß/will ich nach meiner Ankunft im Flughafen Beiruts ein „Visa on arrival“ beantragen, wozu es im Vorhinein vielerlei, sich oft widersprechende Infos gab; hoffentlich habe ich überhaupt alle dafür notwendigen Papiere bei mir…

9:00 Uhr. Es fängt schon mal „gut“ an: Mein Taxi holt mich nämlich eine halbe Stunde verspätet ab. Aber nicht schlimm, ich habe ja diesmal bereits ein bißchen Zeit für besondere Umstände zwischen Abholung und Boarding eingeplant. Fünfzig Minuten später, um zehn vor zehn Uhr bin ich schon im Airport Frankfurt „FRA“.

Wow, wirklich alles erschreckend leer hier. Ich wußte es ja aus den Medien, aber jetzt die riesige, leere Halle (Terminal 1) mit eigenen Augen „in echt“ zu sehen, das ist doch reichlich ungewohnt. Ich war hier bestimmt schon über hundert Mal, doch so wenige Menschen habe ich hier in all den vielen Jahren niemals gesehen! Auch nicht nachts oder frühmorgens. Und jetzt ist Vormittag! Da tanzt hier sonst gewöhnlich der Bär, alles wuselt umeinander und die Leute trampeln sich um diese Uhrzeit gerne fast tot, so voll ist das sonst. (Deshalb war ich auch immer erleichtert, wenn ich in der großen Eingangshalle endlich durch war.) Aber es war ja auch noch nie Corona.

Terminal 2 soll übrigens bis auf Weiteres geschlossen bleiben. Unter diesen Voraussetzungen nicht zu verstehen: Terminal 3 wird beständig weitergebaut und soll (Corona-korrigiert) 2025 fertiggestellt werden.

 

 

In noch nichtmal dreißig Minuten  bin ich mit allem durch, Einchecken und Koffer aufgeben, Security, Paßkontrolle, Fußmarsch bis zum allerletzten Flugsteig. Es ist wie so oft: Die mongoloiden Security-Cyborgs machen sich unterwegs mal wieder wichtig, geilen sich an meinem sich in meiner Handgepäcktasche versteckt habenden, zweiten (halbleeren) Feuerzeug auf und beschlagnahmen es sofort, wichtigtuerisch und voller Freude. Ich wundere mich, daß sie mich nicht sofort verhaften und abführen. Und daß sie das brave kleine Feuerzeug nicht auch noch sofort an Ort und Stelle sprengen. (Schade, jetzt kann ich unsern Flieger nicht mehr… – naja, egal, was auch immer.)

Da fällt mir mal wieder die Geschichte mit den Aschenbechern im Flugzeug ein.

www.reisereporter.de: „Rauchverbot im Flugzeug. Warum gibt’s Aschenbecher?

Wohl jedem von uns ist das auf der Toilette im Flugzeug mal beiläufig aufgefallen: Die Hinweisschilder zum Rauchverbot – und daneben oder darunter ein Aschenbecher. Irgendwie kurios, oder?

Dafür gibt es aber tatsächlich eine einfache und logische Erklärung: Wenn sich jemand aus irgendeinem Grund trotz Verbot eine Zigarette ansteckt und sie dann in den Mülleimer schmeißt, könnte im schlimmsten Fall ein Feuer entstehen. Aschenbecher auf dem Flugzeug-Klo ist Pflicht.

Deshalb gibt es in jedem Flugzeug einen Aschenbecher. So kann sichergestellt werden, dass eine verbotenerweise angezündete Zigarette „gefahrenlos entsorgt“ werden kann. Das hat die Europäische Agentur für Flugsicherheit („EASA“) so festgelegt…“

Logisch, auch in der Lufthansa-Lounge ist kaum was los, es gibt nur ein paar ganz wenige andere Reisende um mich herum. Und nicht das sonst übliche Rumgewusel, Geschiebe, Gedrängel und Geschreie der Menschenmassen. Manchmal war ich hier schon froh, überhaupt einen Sitzplatz für mich zu finden. Das Essensangebot ist so dürftig wie vorher oft gelesen; ich vermisse die hier bisher oft angebotenen Würstchen und den Kartoffelsalat. Aber wenigstens ist die Ruhe recht angenehm.

 

 

Sonst bin ich ja schon mal etwas knapp mit meinem Zeitmanagement, diesmal bin ich viel zu früh. Egal wie ich’s mache, es ist immer falsch. Aber ich bin heute endlich mal perfekt aufgehoben und die Lounge trägt ihren Namen endlich mal zurecht. Habe ja in weiser Voraussicht auch ein interessantes Buch dabei: „Zwei nach Shanghai“ von den Hoepner-Zwillingen. Im TV habe ich die Folgen ja schon mehrmals gesehen, jetzt aber im Buch alles viel ausführlicher lesen zu können über ihr Vorhaben, mit dem Fahrrad von Berlin nach Shanghai zu radeln, ist ja noch viel interessanter/wahnwitziger. Die Wartezeit ist also keinesfalls langweilig oder gar verschwendet. (Nur schade, ich weiß bereits, wie das Buch ausgeht.)

Mein Flieger startet exakt am selben Gate (B 47) wie meine bisherigen Thailand-Flüge. (Ob ich jemals wieder dort hinkommen werde??? Und ist das jetzt ein eher gutes Signal für meine sehnsüchtig ersehnten, zukünftigen Thailand-Reisen???) Eine Gruppe THW-Leute fliegt mit, darunter auch ein Schäferhund, ohne in einer Transportbox zu sein, ich sehe jedenfalls keine.

Ich hatte es insgeheim ein bißchen befürchtet, habe aber Glück: Unser Flieger steht nicht im mehr oder weniger weit entfernten Außenbereich, wo man erst umständlich mit dem Vorfeldbus hingebracht werden muß. MEA (Middle East Airlines) ist also glücklicherweise keine dieser schäbigen Billigfluggesellschaften, und wir gelangen somit alle über den normalen „Finger“ in den Flieger. (Ich hasse diese Vorfeldbusse ganz besonders! Sie sind umständlich und man braucht ganz viel Geduld. Nur damit die Fluggesellschaften noch mehr sparen bzw. verdienen können.)

11:50 Uhr. Pushback. Die beiden Triebwerke werden angelassen und wir bekommen Rollerlaubnis. Unser A320 setzt sich in Bewegung. Ich atme auf, jetzt kann erstmal nichts mehr schiefgehen.

 

Mein Flug ist völlig entspannt. Ich habe mir Business gegönnt und habe viel Platz, wirklich sehr viel, geradezu verschwenderisch viel Beinfreiheit. Viel mehr als sonst in den billigen/engen Mittelstrecke-Lufthansa-Flugzeugen. Der Sitz und die ganze Reihe neben mir bleiben leer. Gefällt mir hier. Der Flieger ist offenbar noch neu. Erstaunlich. Ich hatte insgeheim genau das Gegenteil erwartet/befürchtet.

 

Die Flugbegleiterinnen haben Mundschutz, blaue Gummihandschuhe und die inzwischen bekannten hellblauen „Putzfrauen“–Kittel an; die Passagiere und ich nur die Atemschutzmasken. Das Essen unterwegs ist einfach, alles aus einer Schachtel, an Getränken gibt es nur Wasser und O-Saft aus demselben, sonst leider nichts. Auch kein Rotwein.  Alles wegen dem Sch…-Corona!! Gefällt mir nicht!

 

 

Das Filmangebot überrascht mich. Es ist unerwartet umfangreich. Aber leider nichts in Deutsch dabei. Naja, so kann man sein Englisch „wie im Flug“ aufbessern. Die Kopfhörer haben „Noise cancelling“.

17:10 Uhr. Nach vier Stunden Flugzeit (2.850 Kilometer) plus eine Stunde Zeitverschiebung komme ich nachmittags gutgelaunt und erwartungsvoll in Beirut (BEY) an. Ich habe Glück, ich sitze auf der „falschen“ Seite im Flieger, und deshalb bleibt mir beim Landeanflug der Anblick des schrecklichen Orts der katastrophalen Explosion von vor zwei Tagen erspart.

Wikipedia: „Der Rafiq-Hariri-Flughafen ist am südlichen Stadtrand von Beirut gelegen, er ist der (einzige) internationale Flughafen des Libanon. Er ist Stützpunkt der Middle East Airlines MEA.

Ursprünglich trug er den Namen ‚Beirut International Airport‘. Am 22. Juni 2005 erfolgte die Umbenennung zu Ehren des im Volk sehr beliebten ehemaligen Premierministers Rafiq al-Hariri, der am 14. Februar 2005 einem Attentat auf seinen Fahrzeugkonvoi [W.V.: mit 3.000 Kilogramm Sprengstoff!] zum Opfer gefallen war.“

(Anmerkung von mir dazu: Ein paar Tage nach meiner Rückkehr, am 18. August 2020, wurde einer dieser vier Attentäter in Abwesenheit endlich von einem UN-Tribunal schuldig gesprochen; er und die anderen drei Attentäter sind weiterhin flüchtig. Ein „Urteil“ soll „demnächst folgen…)

Der Hafen ist im Norden Beiruts. Der Flughafen im Süden. Und wir werden mit dem Auto weiter nach Süden fahren. Deshalb komme ich gar nicht mit dem Ort des Schreckens in Berührung. Sowas will ich auch gar nicht sehen!

Auch hier alles total entspannt. Der Flughafen ist sehr einfach eingerichtet, alles grau in grau, und natürlich ist auch hier wenig los; er ist ja auch winzig im Vergleich zu den Flughäfen, die man sonst so kennt. Paßkontrolle, kurzer Abstrich aus der Nase für den obligatorischen Coronatest, dann noch den Koffer vom Band heben. Bei der finalen Kontrolle brauche ich nur noch meine Einladung und den gestern in Frankfurt gemachten negativen Cororonatest vorzuzeigen und fertig. Und dann rasch durch den Ausgang raus, bevor die es sich noch anders überlegen. (Die ganzen zusätzlichen Papiere, u.a. der gestern noch rasch gebuchte Rückflug, werden gar nicht benötigt!)

 

Mein Freund Nassib erwartet mich bereits am Ausgang und ist bass erstaunt, daß ich so schnell nach der Landung rauskomme. Er hatte mich deutlich später erwartet, aber das gesamte Einreise-Brimborium war einfach, schnell und überhaupt easy. Und kostenlos war auch alles. (grins)

Erleichtert kann ich also meine Maske abnehmen und meinen Freund herzlich umarmen. Merhaba, mein Freund. (Guten Tag.) Angst vor Corona-Ansteckung hab ich keine; auf der gesamten Reise auch nicht. Und dabei werde ich unterwegs wirklich viele ungewaschene Hände schütteln müssen. Zurückblickend läuft es mir jetzt allerdings etwas kühl den Rücken runter…

Wir sprechen Englisch miteinander, manchmal mit dem einen oder anderen französischen Wort durchsetzt, was mir gut gefällt. Verständigungsschwierigkeiten werden wir jedenfalls keine haben.

Wow! Ich in Beirut! Ich im Nahen Osten! Ich wollte schon ewig mal hierher. Und jetzt ist es endlich soweit. Und es war so einfach! Ich frage mich, warum ich es nicht schon viel eher getan habe.

Wikipedia: „Der Libanon ist ein Staat in Vorderasien am Mittelmeer. Er grenzt im Norden und Osten an Syrien und im Süden entlang der Blauen Linie an Israel. Im Westen wird er vom Mittelmeer begrenzt. Der Libanon wird zu den Maschrek-Ländern und zur Levante gerechnet. Das bis zu 3.000 Meter hohe Libanon-Gebirge ist im Winter schneebedeckt. Von dessen weißen Gipfeln wird der Landesname abgeleitet, der auf die semitische Sprachwurzel lbn (‚weiß‘) zurückgeht.

 Im Libanon lebten im Juli 2015 etwa 6,18 Millionen Menschen, knapp die Hälfte davon in der Hauptstadtregion Beirut. Weitere Großstädte sind Tripoli, Sidon, Tyros, Zahlé, Jounieh und Nabatäa.“

(Hinweis von mir: Bangkok zum Beispiel hatte 2010 über 8,2 Mio Einwohner.)

Es sind nur ein paar Schritte zum Parkplatz. Welches Auto ist es? Oh weh, diese Schrottkarre? Fährt die Kiste überhaupt noch?? Ein kleiner, bemitleidenswerter (ehemals) schwarzer Kia Picanto, steht da vor mir und guckt mich mit traurigen Augen an. Hinten sieht der arme auch nicht besser aus. Die Beifahrertür geht nur von innen auf. (Naja, immerhin. Besser, als durchs Fenster rein- und rausklettern zu müssen.) Die Heckklappe ebenso; sie läßt sich auch nur von innen öffnen.

Nassib spricht beim Rausfahren kurz mit dem Parkwächter und dieser öffnet brav (gehorsam) den Schlagbaum; es kostet also nichts.

Damals, im April 2011, auf unserer Reise von Amman nach Istanbul wollten wir ja bereits einen kurzen Abstecher in den Libanon machen, der dann aber aufgrund des gerade beginnenden Bürgerkriegs in Syrien leider ganz kurzfristig abgesagt werden mußte. Wir kamen damals nur noch mit reichlich Herzklopfen gerade noch so über die Grenze in die Türkei. Ich bin froh, daß es jetzt doch noch klappt.

Unser Weg führt ein kurzes Stück durch die Stadt. Alles Leben erscheint mir hier völlig normal, also hektisch, irrwitzig, laut. Halt „Arabisch“. Von der Explosion ist nichts zu bemerken.

Schnell erkenne ich: Der Stärkere (bzw. Frechere) hat automatisch Vorfahrt. Nassib erklärt mir, daß diese Straße hier „kürzlich“ (vor über einem Jahr) aufgerissen werden mußte und noch nicht wieder asphaltiert worden ist. Aha, deshalb so holprig; wir werden alle drei heftig hin- und hergeschüttelt, wir beide und das arme Auto. Gegen die Staubentwicklung wird hier regelmäßig alles feucht gehalten.

 

Ich habe Mitleid mit unserm armen, kleinen Kia. Er ist in einem bedauernswerten, oder soll ich sagen erbarmungswürdigen Zustand, doch trotz der Quälerei hält er alles bewundernswert und tapfer aus.

Es geht nach Süden, zunächst ein paar Kilometer parallel zur „Autobahn“, weil es dort drüben sichtbar viel Traffic Jam, Verkehrsstau, gibt. Ich werde weiter heftig durchgeschüttelt. Sofort mache ich Bekanntschaft mit unglaublich lästigen Bodenwellen; sie sind einfach überall im Land. Nassib bremst davor nur wenig ab und saust meistens, nein, immer viel zu schnell drüber. Ich staune, wie der kleine Kia die Tortur aushält. Und bekomme etwas Angst um ihn. Und um seine Stoßdämpfer. Und um die Federn.

Zunächst erstaunlich, aber man gewöhnt sich dran: Mir fallen immer mal wieder Autos mit D- bzw. CH-Schild auf. Auch Lieferwagen und Lkw mit deutscher Beschriftung gibt es häufig. Das war in Jordanien auch schon so.

Noch kurz Tanken und dann sind wir endlich auf der Schnellstraße, die entlang der Küste verläuft.

Wikipedia: Zum Teil sehr dichtes Straßennetz (vor allem im Westen im Küstenbereich). Die wichtigsten Strecken sind die teilweise als Autobahn ausgebaute Nord-Süd-Küstenstraße zwischen der syrischen und israelischen Grenze  (228 km), die Ost-West-Fernverkehrsstraße nach Damaskus (112 km) und die Nord-Süd-Binnenstraße von der syrischen Grenze über Baalbek und Zahlé nach Beirut. Obwohl die Hauptstraßen asphaltiert sind, ist die Qualität der meisten Straßen schlecht, in den Bergen sehr schlecht, Pass- und Gebirgsstraßen (außer die wichtigsten Hauptrouten) sind nur im Sommer sicher befahrbar. In und um Beirut herrscht immenser Verkehr, ebenso auf der Küstenautobahn Tripoli – Beirut – Tyros.

Unfälle sind häufig: 2018 gab es im Libanon mit seinen 6,8 Mio Millionen Einwohnern über 11.000 Verletzte und 1.000 Tote im Straßenverkehr.“

Nachtrag von mir, W.V.: Thailand 2019 ca. 22.000 Tote bei 70 Mio Einwohnern.

 

Aber, auch hier auf der „Autobahn“ wird es nicht besser. Die Straße ist in einem desolaten Zustand, genauso wie die meisten Autos, die unterwegs sind. Man fährt, wie man will und wählt sich die Fahrspur, die einem persönlich am besten gefällt. Insbesondere auch fürs Überholen. Ab und zu müssen wir uns durch einen militärischen Checkpoint quetschen.

 

Ich merke schnell, daß Auspuff, Scheinwerfer, Rücklicht, Bremslicht, Windschutzscheiben und all dieses nutzlose Beiwerk an libanesischen Autos völlig unnütz sind und gar nicht benötigt werden – und deshalb auch niemals repariert werden müssen. Das Wort „unnötiger Zierrat“ fällt mir ein. Hauptsache, nein, einzige Voraussetzung ist, daß der Motor noch irgendwie läuft. Und daß man so schnell fährt wie es geht. Man merke sich: Ein Fahrzeug darf fahren, solange es fährt. Sein Zustand ist absolut unwichtig. Weder technisch noch optisch. Punkt! Nummernschilder muß man auch nicht haben. Wenn man cool sein will, fährt man ohne. Notfalls genügen aber auch irgendwelche mitgebrachten deutsche Schilder, die den hiesigen sehr ähnlich sehen. Stempel und Plaketten darauf sind entbehrlich. Haftpflichtversicherung ist ebenso überflüssig; viele haben deshalb auch gar keine. Und seinen Führerschein hat man hier oft gekauft. Ohne Prüfung.

Und noch etwas fällt mir auf: Ich sehe keinen Rost an den Autos, obwohl sie ja oft alt oder uralt sind.

In Sidon (arabisch Saïda) verlassen wir die Autobahn und quälen uns durch den engen, zähflüssigen Stadtverkehr. Nassib quetscht sich überall frech rein bzw. durch den stehenden Verkehr. Mir stehen die Haare zu Berge. Ich bekomme immer wieder etwas Angst. Und nicht mehr nur um unser Auto.

Wikipedia: „Sidon […] ist die viertgrößte Stadt des Libanon. Sie ist die Hauptstadt des Gouvernements Süd-Libanon und des Distrikts Sidon. Sidon liegt am Mittelmeer nördlich von Tyros und südlich der Hauptstadt Beirut. Der Name bedeutet so viel wie Fischerstadt.“

Hier tauschen wir bei einem von Nassibs Freunden etwas Geld in Libanesische Pfund (EUR in LBP). Für 200 Euro erhalte ich 1.600.000 (eins Komma sechs Millionen) Pfund. Die Geldscheine haben entsetzlich viele Nullen. Die Inflation im Land galoppiert.

Deshalb muß man wissen, daß man hier sein Geld auf gar keinen Fall offiziell, d.h. bei einer Bank umtauschen sollte! Der offizielle amtliche Wechselkurs bei den Banken ist saumäßig schlecht und wird jeden Tag ungünstiger.

Danach machen wir noch einen kurzen Stopp an einem riesigen Supermarkt („Spinneys“), die es hier im Libanon nur sehr selten und nur in ein paar großen Städten an der Küste gibt, damit ich mir nach eigenen Wünschen ein paar Lebensmittel kaufen kann. (Der Laden würde sich auch bei uns gut machen. Breite Gänge, vielfältiges Angebot, aufmerksames Personal.) Leider ist keine Zeit, um den Laden bzw. sein Angebot etwas näher in Augenschein nehmen zu können. An der Kasse packt ein freundlicher Mitarbeiter alles Eingekaufte in Plastikbeutel, die er zunächst in unseren Einkaufswagen hebt. Danach fährt er den Wagen zum Auto und lädt (gegen ein paar Piaster Trinkgeld) alles sorgfältig in unseren Kia. (Wünsche ich mir für zuhause auch. Sehr!)

 

Und dann sausen wir holterdiepolter und wischiwuschi über enge Straßen weiter in die Berge hoch. Nassib überholt auch hier meistens ohne Zögern, sehr gerne und überhaupt am liebsten vor unübersichtlichen Kurven. Alles was uns im Wege steht wird gnadenlos „niedergemetzelt“. Ich bin immer wieder erleichtert, wenn uns kein Kind, keine Oma oder sonst etwas vor bzw. unter die Räder gekommen ist.

 

Zu gerne würde ich ein paar Fotos von der Aussicht und vom Sonnenuntergang machen, aber meine Bitte zum Anhalten folgt er nicht. Keine Zeit. Ich muß dieserhalb und desterwegen möglichst locker aus dem fahrenden (rasenden) Auto heraus schießen, was natürlich keine guten Resultate bringt:

Wider alles Erwarten geht alles gut, schließlich kommen wir unverletzt ganz oben auf einem Berg in einem kleinen Ort an, halten und betreten ein Restaurant. Unser Auto wird unterdessen von einem Mitarbeiter irgendwo geparkt. Ich kann erstmal durchschnaufen.

 

Das Restaurant und die angebotenen Speisen (und Getränke) machen mir Freude. Endlich kann ich mich nach und nach entspannen. Es gibt viele verschiedene Schüsseln mit Gemüse, Oliven (im Libanon natürlich immer mit Stein), Kartoffeln, Pommes, rohe Zwiebeln, Humus und frisch bereitetes Fladenbrot. Außerdem undefinierbare Fleischbrocken, die ich aber nicht anrühre. Nassib kann (während unserer gesamten Zeit) nicht verstehen, daß ich kein Fleisch mag, und das libanesische schonmal gar nicht. Viele Leute werden sich sein Unverständnis darüber anhören müssen.

Kürzlich hat er mir ein paar Fotos geschickt, auf denen eines seiner drei Schafe abgeschlachtet worden ist. Ich habe ihm damals und überhaupt schon oft gesagt, daß ich es nicht mag, wenn Tiere getötet werden. Doch dafür hat er null Verständnis. (Weiß man ja, arabische Menschen und Tierschutz passen nicht zusammen.)

Wir trinken Mineralwasser und angenehm kaltes Bier (Almaza, „A light carbonation tingle dances from the tip of the tongue…„), das mir erstaunlicherweise ganz gut schmeckt – und Arak.

Wikipedia: „Arak oder Araq ist ein klarer, ungesüßter Anisschnaps. Er wird begrifflich oft verwechselt mit Arrak, dem wesentlich süßlicheren Reisbranntwein, der in Indien, Sri Lanka, Südostasien und auch Russland verbreitet ist. Das Hinzufügen von Eis oder Wasser verursacht eine milchige Trübung der sonst klaren Spirituose (Louche-Effekt).“

Meinen, zugegeben, ungeübten Geschmacksnerven schmecken Arak, Raki, Ouzo und Pastis übrigens gleich – und überhaupt nach Lakritz, das ich noch nie mochte, noch nichtmal als Kind. Und, ich brauche sie auch jetzt nicht unbedingt zum Leben. (Ich bin ja bekanntermaßen ein sehr einfacher Mensch und mag nur kühlen Rotwein und eiskaltes Bier, um mich wohlfühlen zu können.)

Zur Karaffe mit dem Arak (0,5 Liter?) gibt es acht kleine Gläser. Denn man schenkt hier auf gar keinen Fall Arak im leergetrunkenen Glas nach! Ganz wichtig: Es muß unbedingt jedes Mal ein neues, sauberes Glas genommen werden!

Es gibt eine phantastisch weite Aussicht und immer noch den finalen Sonnenuntergang.

Ich mache mir inzwischen immer mehr Sorgen, wie Nassib im Dunkel der Nacht die Weiterfahrt bewältigen will, denn ich trinke nur zwei Gläser des Araks, er den Rest; die Karaffe ist längst leer.

Ich bezahle, unser Auto steht schon mit laufendem Motor bereit, und wir fahren/sausen noch einmal ca. fünfzehn, zwanzig Kilometer durch die Nacht den Berg runter. Glücklicherweise kommen uns unterwegs nur ein paar ganz wenige Autos entgegen. (Und noch weniger Menschenwesen…) Tiere gibt’s auf der Fahrbahn auch keine. Und Überholen ist gottseidank auch nicht nötig. Trotzdem, ich muß schon wieder ob so mancher enger Kurve oft den Atem anhalten. Alles geht schließlich gut. Ich habe reichlich Angst.

Wir müssen am Zielort noch einen unglaublich steilen und kurvigen Weg zum Haus hochfahren und ich kann endlich wieder erleichtert aufatmen.

Nassib lebt zurzeit noch allein, nur zwei syrische Flüchtlinge hat er hier im Haus aufgenommen. Machul zeigt mir mein Zimmer im Obergeschoß und bringt meinen Koffer rauf.

 

Das Zimmer macht einen ordentlichen Eindruck. Wenn auch ohne Tür. Alle drei Fenster offen, das hab ich gerne. Endlich kann ich mich Schlafen legen. Ich bin müde, es war doch ein langer Tag. Es ist Mitternacht.

Zahlreiche Hunde heulen nachts im Tal.

 

Freitag, 07.08.2020

7:00 Uhr. Am nächsten Morgen wache ich auf. Rings um mich herum öffnen sich die Blüten, um das morgendliche wohltuende Sonnenlicht einzufangen.

Ich hatte Besuch. Unzählige Moskitos haben sich an mir gelabt. Sämtliche Fenster im Haus stehen immer offen und die Mistviecher nutzten hemmungslos den freien Eintritt. Ich mußte deshalb die ganze Nacht unentwegt um mich schlagen und bin reichlich zermartert.

Hier ist zwar nicht ganz der Arsch der Welt, aber ich bin wahrscheinlich da, wo den Engelchen die Löckchen wachsen. Nassib hat mir gestern schon gesagt, daß das hier ein winziges Dorf ist. Der nächste größere Ort ist Sidon, und das ist mit Nassibs Fahrweise etwa eine halbe Stunde entfernt.

Ein bißchen tröstet mich dann die morgendliche Kühle und die Aussicht ins Tal und weiter hinaus. Wir schauen nach Südwesten. Bei klarem Wetter sind manchmal ganz hinten rechts, im Westen, sogar noch ein bißchen Mittelmeer und abends die dort untergehende Sonne erkennbar.

Nassib hat sein Haus gerade neu gebaut; im Moment ist noch „Baustelle“. Das heißt, innen und außen sieht’s noch schlimm aus. Bauarbeiten ruhen im Sommer im Libanon, landesweit, und es geht überall erst im Herbst wieder weiter. Im ganzen Land werde ich unzählige Baustellen sehen, an denen wirklich nirgendwo gearbeitet wird. Nassibs Haus sieht immerhin von außen schon sehr repräsentativ aus. Innen gibt es noch keine Tapeten/Wandfarbe, aber man ahnt bereits den guten Geschmack (des Architekten?).

Nassib lädt mich zu einem „Spaziergang“ ein. Dazu hat er extra für mich ein paar seiner Sportschuhe gewaschen und sie passen mir auch ganz gut. Er erklärt mir, daß die Hunde, die ich des nachts gehört habe, in Wirklichkeit Füchse waren.

Wir laufen zunächst ins Tal hinunter und dann einen Fahrweg den Berg hinauf. Dort führt er mich zu einer Steinmetzfirma. Die Firma gehört seinem Cousin George, der ca. zehn Leute beschäftigt. George erzählt mir, daß er jetzt zu Corona-Zeiten besonders viel zu tun hat und nur schwer den zahlreichen Aufträgen hinterherkommt.

 

Wir verabschieden uns und wandern weiter hinauf. Freundliche Bienen und flatterhafte Schmetterlinge begleiten uns. Es gibt unterwegs ein paar Gärten und Nassib fordert mich unterwegs ständig auf, alle möglichen Gemüse- und Obstarten zu probieren. Ungewaschen, aber ich muß gute Miene machen und darf es nicht verweigern. Und es ist ja nur Mundraub. In einem größeren Garten-Grundstück finden wir einen jungen Mann, der hier alles in Ordnung hält. Auch hier wieder kostenloses Probeprobieren. Ich erinnere mich an Tomaten, Feigen, Trauben, Nüsse, Äpfel. Aber ich hatte ja auch noch kein Frühstück. 

Danach geht es immer weiter den Berg hinauf, Nassib kommt mir kaum hinterher und ich muß immer öfter auf ihn warten, obwohl er zwanzig Jahre jünger ist als ich. (Aber fünfzig Kilo schwerer.)

Heiß ist es, obwohl es erst Vormittag ist. Ich schwitze etwas, Nassib ist dagegen schon total durchnäßt. Aber er kennt keine Gnade, immer weiter rauf.

Er quatscht ununterbrochen. Am witzigsten empfinde ich es, wenn er mich auf die uns umgebende, eigentlich angenehme Stille der Natur hinweist und sie dabei mit seinem stundenlangen ununterbrochenen Gequatsche konterkariert. Auf alles und jedes weist er mich hin und beginnt ständig und jeden Satz mit „Look…“ (Sieh, dort, denk‘ mal…). Die kleinsten und unwichtigsten und/oder selbstverständlichen und für Jeden ganz leicht erkennbaren Dinge werden mir gezeigt und erklärt, und das oft mehrfach, nein, vielfach.

Er trägt schon fast von Anfang an einen schweren Ast mit sich rum, weil er Angst vor hier lebenden wilden Wölfen hat. Einen anderen Ast, den er mir anbietet, lehne ich ab. Wölfe sind scheu und werden uns wohl eher nicht angreifen, noch dazu am hellichten Tag.

Ganz oben dann endlich der Höhepunkt: Eine kleine Kapelle und eine sehr hohe weiße Statue der heiligen Maria. Nassib ist christlich und hat mir schon mehrmals erklärt, daß die größte (und einzigrichtige!) Religion im Libanon das Christentum ist. Erst dann folgt der Islam. Aber das ist für ihn keine Religion, genauso wenig wie der Buddhismus. (Er hat auch schon mehrmals mit Jesus persönlich gesprochen.)

Aha, deshalb sehe ich ständig und überall jede Menge Kirchen und nur ganz wenige Moscheen. Sehr angenehm. (Ich verabscheue Moscheen und vor allem das von ihnen fünfmal am Tag ausgesandte Geschrei abgrundtief!)

Die Aussicht ist phänomenal! Ein Ort zum Wohlfühlen. Ich empfinde hier ganz deutlich Magische Strahlen.

 

 

 

 

Ein kleines Restaurant gibt es auch. Tagsüber ist es ohne Voranmeldung meistens geschlossen. Außer wenn kleinere oder größere Gruppen per Reisebus herkommen.

Logisch, auch hier oben muß ich den zufällig anwesenden Besitzer und seinen Bekannten begrüßen und viel quatschen. Englisch ist im Libanon weit verbreitet. Eigentlich mehr als das traditionelle Französisch, das ich halt mehr erwartet hätte. Nassib sagt mir dazu, daß in den größeren Städten das Französische überwiegt. Aber wie will man das überhaupt beurteilen? In den Schulen wird mehr Französisch gelehrt, im Geschäftsleben spricht man eher Englisch.

Auf dem Rückweg, endlich wieder bergab, machen wir natürlich noch ein paar weitere Besuche bei Freunden und zuletzt bei einer Cousine in ihrem kleinen Laden. Ist alles ganz schön, denn dadurch bekomme ich vom täglichen Leben viel mit.

Gegen viertel vor zwei sind wir zurück und endlich können wir unser redlich verdientes Frühstück und Mittagessen nachholen. Machuls Frau Sylvana hat alles vorbereitet. Es gibt meinen heißgeliebten Humus (wird hier eigentlich „Hommos“ gesprochen) und dazu viel Tomaten, kleine Gurken, Rettich, Zwiebeln, schwarze und grüne Oliven und allerlei mehr gute Sachen. Und Fladenbrot natürlich. Danach wieder die kleinen Täßchen Kaffee, türkischen Kaffee – mit viel Kaffeesatz, wie ich ihn so sehr „liebe“.

Danach ruhen wir uns aus. Keine Moskitos tagsüber. Am späten Nachmittag brechen wir zu einem „Worship“ (Gottesdienst) auf. Nassib ist ja ein gläubiger Christ. Und „Phönizischer Abstammung“. Darauf legt er sehr großen Wert. Genau wie ich mag er keine Moslem-Leute.

Der Kia war bereits morgens verschwunden, er gehört einem Familienmitglied. Jetzt fahren wir mit Nassibs fünfundvierzig Jahre altem schwarzen 200er Mercedes, Baujahr 1975, W114, also ein „/8“, gesprochen „Strich acht“. Es ist ein Benziner.

Das arme alte Auto ist in einem noch bedauernswerteren Zustand als der arme Kia, aber der war und ist ja auch erst ein paar Jahre jung. Hier am Mercedes ist wirklich alles kaputt. Auch die im Libanon wichtige Hupe. (Halt, stop, ich muß mich korrigieren: Das Kofferraumschloß funktioniert noch…)

Dazu ein immerwährender, beißender, unerträglicher Benzingestank, irgendetwas im Motorraum ist undicht. Glücklicherweise sind alle vier Fenster offen, immer, die gesamte Zeit, alle Tage, das gesamte Jahr; wahrscheinlich lassen sie sich gar nicht mehr schließen.

Apropos, ich wundere mich: Die Frontscheibe hat keinen Riß, keinen Sprung, keinen Steinschlag; sie ist und bleibt nur schmutzig, so wie das gesamte Auto. Hier ist wahrscheinlich noch nie irgendetwas gesäubert, gewaschen oder gar ordentlich instandgesetzt worden. Aber der Motor läuft wenigstens. Meistens. Der Anlasser zickt gerne mal. Immer wieder muß das Auto angeschoben werden oder Nassib läßt es anrollen, gerne auch im Rückwärtsgang. Die Prozedur tut mir jedesmal weh, denn Nassib geht da gnadenlos vor. Ab und zu arbeitet der Anlasser aber auch überraschend ganz zufriedenstellend. Im Übrigen läßt Nassib nichts, aber auch gar nichts auf sein Auto kommen. „My Mercedes is a very good German product!“ Ich glaube, er liebt ihn – oder soll ich sagen: Die beiden lieben sich offensichtlich inniglich. Und es gibt hier unglaublich viele davon. Manche sehen noch schlimmer aus – aber sie fahren noch immer…

Ich wußte bisher nicht, wieviele verschiedene Geräusche ein Auto vor Schmerzen machen kann. Jetzt weiß ich es und ich kenne sie bald alle. Fast in jeder Linkskurve schleift vorne rechts Blech auf Eisen. Nassib hat mich bereits informiert: Die Bremsbeläge sind „fast“ abgefahren und er will sie „demnächst“ austauschen lassen. Eigentlich müßte er solange langsamfahren.

Die unverriegelbare Motorhaube wedelt beim Fahren dazu gutmütig auf und ab, als ob sie mit mir sprechen wollte – oder ruft das gemarterte Auto in Wirklichkeit um Hilfe?

Die Straße ist weiterhin sauschlecht. Nassib rast noch mehr als gestern. Wobei ihn auch die kleinen Ortschaften nicht viel langsamer fahren lassen. Nur wenn ich mein Handy hebe, um ein Video zu machen, nimmt er Gas zurück. Eigentlich müßte ich das Handy die ganze Zeit hochhalten und so tun, als ob ich filmen würde.

Am Ziel steht eine angenehm kühle, kleine hübsche Kirche. Wir parken. Ein paar Menschen kommen uns entgegen, innen ist die Kirche leer; die Andacht ist gerade vorüber. Nassib hat die Uhrzeit nicht beachtet.

Also den gleichen Weg zurück. Ich fühle mich immer mehr und überhaupt oft an „Die Schluchten des Balkan“ von Karl May erinnert. Sie sind hier tatsächlich so steil und tief, wie ich sie mir immer vorgestellt habe.

Heute Abend gibt es im Nachbarort bei einem seiner Brüder ein „Barbecue“. Wieder wird allen Leuten verwundert erzählt, daß ich kein Fleisch mag, worauf mich alle erneut staunend und verblüfft beäugen. Ist das wirklich sooo schlimm?

Als wir zuhause sind, ziehe ich mich gleich zurück. Bin müde.

 

Samstag, 08.08.2020

Am nächsten Morgen wache ich genauso zerstochen wie gestern auf, bleibe aber liegen, in der Hoffnung, Nassib nebenan bald zu hören. Sieben Uhr, acht Uhr, neun Uhr, zehn Uhr. Nassib schläft tief und fest. Sein Wecker beginnt derweil jeden Morgen sein Geschrei um sieben Uhr, das Nassib aber nie hört und das dann stundenlang durch die Zimmer lärmt. Dabei wollten wir doch heute an den Strand zum Schwimmen. Unser Ziel ist etwas weiter entfernt, weil die in der Nähe liegenden „Strände“ meistens gar keinen Sand haben und oft bis ans Wasser zubetoniert sind. Außerdem befinden sie sich eher in muslimischer Hand, was es uns doch etwas schwierig machen würde, dort zu schwimmen. Wir fahren also lieber eine etwas weitere Strecke.

Im gesamten Haus gibt es keine Türen. Auf dem Weg ins Bad muß ich durch Nassibs Schlafzimmer. Er liegt da wie, hmm, wie soll ich es ausdrücken, ich bitte herzlich um Entschuldigung, ich meine es wirklich nicht unartig, sein Anblick erinnert mich halt daran, er liegt da, wie ein (sorry, Nassib), wie ein fettes, totes Schwein. Ich mache mir immer mehr Sorgen, ob es ihm wirklich gutgeht und fasse schließlich allen Mut zusammen und gebe ihm schließlich ganz vorsichtig einen Stupser. Er öffnet sofort die Augen, er lebt! Also erst einmal alles okay. Ich bin erleichtert. Es ist immerhin zehn Uhr vorbei. Die Situation erinnert mich an ein Gedicht aus meiner Schulzeit:

Im Park

Ein ganz kleines Reh stand am ganz kleinen Baum, still und verklärt wie im Traum.
Das war des Nachts elf Uhr zwei. Dann kam ich um vier morgens wieder vorbei.
Und da träumte noch immer das Tier.
Nun schlich ich mich leise – ich atmete kaum – gegen den Wind an den Baum,
und gab dem Reh einen ganz kleinen Stips.
Und da war es aus Gips.

Joachim Ringelnatz

 

Zum Frühstück gibt es Spiegelei „over easy“ (von beiden Seiten gebraten) und ein paar Kleinigkeiten, und dann brechen wir endlich auf – es ist bereits zwölf Uhr durch.

Machul und Sylvana fahren heute mit. Wir sausen ca. zwanzig Kilometer den Berg hinunter nach Sidon und dann nochmal dreißig Kilometer auf der Schnellstraße weiter nach Süden, nach Tyros (Tyr). Unterwegs tanken wir schon wieder in einer Kaserne; Nassib darf als ehemaliger Offizier in allen Kasernen des Landes kostenlos tanken. (Und wenn er heimkommt, wird der Sprit manchmal von seinen beiden Mitbewohnern in Plastikflaschen – „für Notfälle“ – für sein kleines Motorrad umgefüllt. Und im Keller gelagert.)

Unterwegs müssen wir zweimal anhalten, damit Machul die Motorhaube immer wieder mit Draht festbinden kann. Sie öffnet sich schon wieder die ganze Zeit. Mehr als gestern, als wollte sie protestieren. Und jetzt bei Vollgas, so um die 130 km/h, sieht das äußerst gefährlich aus. Ich habe echt Angst!

Wir verwenden unterwegs eine Abkürzung:

 

Polizeiauto. Alter verbeulter Dodge Charger:

 

Video unserer Bergabfahrt:

 

Am Ziel befindet sich ein Hotel. Der Parkplatz übervoll. Zu meiner riesigen Verblüffung sehe ich einen blauen Lamborghini und einen schwarzen Brabus G-Klasse Mercedes, blitzsauber, wie geleckt, beide wie gerade aus dem Laden gekommen. Später noch ein Bentley. Unterwegs sind mir schon mehrmals ein paar Ford Mustang und noch ein paar mehr Camaro aufgefallen. Auch sonst gibt es unzählige neu aussehende teure Autos, Range Rover/Land Rover, natürlich Mercedes und BMW, ab und zu Porsche Cayenne und die „kleineren“ Porsche, oft ohne alle Schrammen – und dann als Kontrast die unzähligen verbeulten Wracks, („Rostlauben“ habe ich gerade gestrichen, denn Rost gibt es hier ja nicht), mit und ohne Nummernschilder. Besonders und auffallend viele, eigentlich unzählige uralte „Strich 8“ und jüngere Mercedesse. (Wow, die Rechtschreibprüfung flippt gerade mal wieder aus ob meines hier gewählten Mercedes-Plurals.)

www.blog.leo.org, FragenSieDr.Bopp: „[…]Und bei Mercedes wird – wohl in Anlehnung an Busse, Ibisse, Atlasse usw. – häufig die Pluralform Mercedesse verwendet. Diese Form halte ich auch für die beste, da sie sich naht- und mühelos in die Sprachsystematik des Deutschen einordnet. In meinen Augen weniger schön aber ebenfalls recht häufig ist die blässliche, jegliches Risiko scheuende Pluralvariante ohne besondere Endung: die Mercedes.“

Dazu muß ich W.V. als Autor noch etwas nachtragen: „Atlasse“! Wow. Ist das jetzt auf einmal richtig?! Als ich noch zur Schule ging, war es geradezu tödlich, „Atlasse“ statt „Atlanten“ zu sagen. Hätte ich dieses Unwort ausgesprochen, hätte mich die gesamte Klasse totgelacht. „Ananasse“ geht jetzt auch? Vielleicht gab es sie ja früher bereits. Aber die „Kakteen“ sind mir wenigstens geblieben. Warum ham’se die nicht auch in „Kaktusse“ geändert??

 

Aber egal, ich richte mich ja sowieso selten und überhaupt ungern nach der doofen „neuen“ Rechtschreibprüfung (von 2006 + 2018) meines Sch…-Computers, die Mercedes-Autos (grins) sind hier offensichtlich alle unverwüstlich. Man fährt im Übrigen wo und wie und so schnell oder langsam, wie man will oder wie es einem gerade gefällt.

Ist das überhaupt ein Lambo??:

Wir drei steigen aus und müssen lange am Eingang warten, bis Nassib endlich das Auto irgendwo geparkt hat und zurückkommt. Dabei gäbe es auch hier einen Valet-Service. Aber Nassib ist offenbar sehr sparsam, obwohl er ständig bekundet, über ausreichend genug Geld zu verfügen. Ich muß Eintritt für uns drei bezahlen, Nassib ist frei.

Der angenehme Sand-Strand gehört zum Hotel und man kann sich auch alles zum Essen und Trinken kaufen. Wir verbringen hier ein paar Stunden mit Schwimmen und Rumsitzen. Der relativ weite Weg hat sich also doch gelohnt, denn so etwas ist im Libanon tatsächlich recht selten. Wegen Covid ist allerdings alles etwas eingeschränkt.

Nassib würde mich gerne mit einer hübschen jungen Libanesin verkuppeln, die er gerade kennengelernt hat, allein, wir mögen beide nicht. Aber zum mit ihr Quatschen über alles Mögliche ist Zeit (in Englisch) und ich genieße es auch.

 

 

 

Danach geht es exakt den gleichen Weg und im selben Fahrstil zurück. Fast alle anderen Fahrzeuge um uns herum fahren übrigens auch gerne so schnell. Inzwischen hat sich mein rechter Fuß eine tiefe Kuhle im Bodenblech geformt; er bremst schließlich ständig mit.

Airbags waren zur Zeit der Produktion dieses Mercedes‘ noch nicht erfunden; für Beifahrer schon rein gar nicht. Der Benzingestank bringt mich weiterhin fast um. Ich habe Angst.

Hier ein Video vom Rückweg in der beginnenden Dunkelheit:

 

 

Und kurz darauf auf der Autobahn:

 

 

Später in Sidon biegen wir ab und fahren wieder in die Berge rauf. Wir steuern noch einmal das Restaurant mit der Kapelle und dem Restaurant von vorgestern an, um dort gemütlich zu Abend zu essen.

 

 

Als wir dann gegen elf Uhr abends endlich zuhause sind, bin ich sehr erleichtert, mich gesund und unverletzt ins Bett legen zu können. Nassib bringt mir ein störrisches, grünes Moskitonetz, das ich irgendwie über mich legen soll, weil es keine Bettpfosten gibt. (Viel später, nach ein paar Wochen, kommt mir der Gedanke, daß es sich dabei vielleicht um ein Insekten- und Schneckenabwehrnetz für ein Beet im Garten gehandelt haben könnte…) Aber immerhin besser als nix. Darunter wird es mir aber reichlich warm. Immer mal wieder gelingt es einer dieser vermaledeiten Sackratten (sprich Stechmücken), irgendwie bis zu mir vorzudringen und an mir zu trinken. Andere Menschen, Einheimische, sind dagegen für Moskitos uninteressant, ihnen tun sie absolut nichts.

 

Sonntag, 09.08.2020

Heute passiert nicht viel. Einziger Tagesordnungspunkt: Besuch der Messe in einer Kirche in der Nähe gegen elf Uhr vormittags. Allein, wir kommen schon wieder zu spät! Jetzt schon zum zweiten Mal! Ich frage mich, wie kann man nur derart verpeilt sein? Dabei bräuchte ich göttlichen Zuspruch und innere Einkehr doch so dringend, um mein verkümmertes Seelenheil zu stärken bzw. endlich wieder in Ordnung zu bringen.

Später „muß“ ich alles Mögliche in Nassibs Garten mit ihm zusammen pflücken und probieren. Sonst habe ich einfach keine besonderen Vorkommnisse mehr in Erinnerung. Ich lese nachmittags in einem meiner mitgebrachten Bücher, entspanne mich und ruhe mich überhaupt von den bisherigen Strapazen aus. Einfaches Abendessen unten im Keller bei Machul und Sylvana. Bereits um einundzwanzig Uhr liege ich brav in meinem Bettchen. Dipsi, Laa-Laa, Po und alle anderen schlafen ja auch schon längst.

 

Montag, 10.08.2020

Heute wollen wir mal wieder eine (größere) Tour machen. Zuerst fahren wir zum Sommerpalast des Präsidenten (Palais de Beit Ed-Dine). Aber hier ist alles leer und verschlossen. Wegen Corona. Und der Präsident hat ja im Moment auch wichtigeres zu tun, als sich hier auszuruhen.

Nassib ist ehemaliger Offizier der libanesischen Armee und es gelingt ihm, daß wir nach einigem Hin und Her, und nachdem die beiden wachhabenden Soldaten telefonisch eine Genehmigung „von oben“ eingeholt haben, durch eine winzigkleine Tür und deshalb in stark gebückter (demütiger) Haltung eingelassen werden und wenigstens auf den Hof des Palasts dürfen. Insgesamt aber alles eher uninteressant.

Dann geht es weiter, zwanzig, dreißig Kilometer immer weiter in die Berge hinauf, die sich teilweise in Wolken verstecken. Aber nicht, ohne an einer hier ringsum berühmten heiligen Quelle angehalten und unsere Wasserflaschen mit dem wundertätigen Wasser aufgefüllt zu haben:

Am Schlagbaum des Nationalparks Barouk Cedar Forest (Al-Shouf Biosphere Reserve) müßten wir eigentlich Eintritt bezahlen, Nassib ist als Offizier im Ruhestand aber davon befreit – und er darf einen Gast kostenlos mitnehmen. Der Wächter ermahnt uns noch, spätestens bis achtzehn Uhr zurück zu sein, weil dann die Schranke abgeschlossen wird.

 

Weiter hinauf geht’s. Die „Straße“ ist jetzt sehr schmal und kurvig. Leitplanken kennt man im Libanon nicht, und hier schonmal gar nicht. Hoffentlich begegnet uns kein Auto! Ich habe Angst.

Aber es geht alles gut und wir parken unser Auto ganz oben und ziehen uns unsere Sportschuhe an. Obwohl wir uns hier oben oft in den Wolken bewegen, creme ich mir noch rasch das Gesicht mit der vorhin in einer Apotheke gekauften Sonnenschutzlotion ein und dann laufen wir ein paar erstaunlich gut gepflegte Wege durch den Park. Wie der Name bereits aussagt, wachsen hier im Nationalpark hauptsächlich unzählige Zedern, der Nationalbaum des Libanon. Deshalb ist er auch auf der Libanon-Flagge abgebildet. (Zedern können leicht über 1.000 Jahre alt werden. Einige wenige sind sogar 2.000 Jahre alt!) Ich mag Zedern und Zedernholz. Schon lange. Leider kann ich auch später zuhause nicht herauskriegen, wie hoch wir hier sind, aber ich schätze, es sind mindestens so um die tausend Meter.

 

 

 

 

 

Wieder bewaffnet sich Nassib mit einem Ast, den er erstmal nicht mehr losläßt und mit dem er schon wieder uns angreifende Wölfe totschlagen will.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Warnschilder befehlen, daß man auf den Wegen bleiben muß, aber Nassib als Offizier „darf alles“, also laufen wir auch ein längeres Stück durch die steinige Wildnis. Wenn einem von uns hier etwas passierte, dürfte es schlecht mit Hilfe aussehen. Wie immer bin ich oft voraus, während er dann weit zurückbleibt. Aber so langsam wie Nassib kann und will ich wirklich nicht Laufen. Das wäre mir zu anstrengend.

 

Irgendwann setzt Nassib sich „für ein paar Minuten“ an den Stamm eines Baumes. Ich laufe unterdessen weiter und warte dann lange auf ihn. Da er nicht nachkommt, muß ich den ganzen Weg zurücklaufen – und er sitzt noch immer an derselben Stelle. Von weitem frage ich mich erneut, ob er noch lebt, doch es ist alles okay, er bewegt sich schließlich als ich näherkomme und steht dann auch endlich wieder auf. Ich bin wirklich sehr erleichtert.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zum Umarmen einiger Zedern läßt er mir hingegen kaum Zeit und hat auch kein Verständnis dafür.

 

Zum Schluß, auf der ansteigenden Straße zurück zum Auto, hält er ein runterfahrendes Auto an und schafft es, daß die sympatische Familie (Mama am Steuer, Papa und zwei kleine Töchter) wendet und uns beide darin zu unserem eigenen Auto hochfährt. „Aber nur mit Atemschutzmaske!“ Die beiden kleinen Mädchen haben etwas Angst vor uns. Dabei hätte ich uns das ganze lieber erspart und wäre gerne weiter hochgelaufen.

Dann geht es wieder runter ins nächste Dorf, wo wir nach einigem Suchen eine mit Nassib befreundete Familie aufsuchen. Die 82jährige Oma kocht zusammen mit ihrer Enkeltochter an einer primitiven Feuerstelle Pfirsich-Marmelade, die in leere Gläser abgefüllt und später verkauft werden soll. Nassibs Freund ist allerdings leider nicht da.

Weiter geht es; zunächst eine kurvenreiche kleine Straße den Berg weiter hinauf bis zum Pass. Von weitem ist bereits eine beeindruckend gut aussehende Autobahnbrücke zu erkennen. Ich hoffe, daß wir ein Stück auf der Autobahn weiterfahren können. Dann muß ich vielleicht nicht mehr so viel Angst haben.

Doch meine Erwartung auf eine bessere Straße bleibt leider unerfüllt. Die „Autobahn“ kommt zwar von Beirut bis hier auf den Berg hinauf – endet aber genau hier. Stattdessen verwandelt sie sich sich in unserer Richtung in einen starkbefahrenen Highway bergab. Die Verlängerung der Autobahn ist im Bau. Ich sehe eine gewaltige neue Brücke. Aber bis zur Fertigstellung wird es noch viele Jahre dauern. Ein Foto, das ich auf unserer Rückfahrt aufgenommen habe, füge ich hier bei:

 

 

Und so sausen wir den Berg auf dem Highway runter bis nach Zahlé in der berühmten Bekaa-Ebene.

Wikipedia: Die Bekaa-Ebene ist eine Hochebene im Libanon, die sich zwischen den Gebirgszügen des Libanongebirges und dem Anti-Libanon befindet. Sie wird auch als die Obst- und Gemüsekammer des Landes bezeichnet. Sie erstreckt sich in Nord-Süd-Richtung im Osten des Landes.

 

 

In der Kaserne in Zahlé essen wir gegen neunzehn Uhr fast allein in der Offiziersmesse kostenlos zu Abend. Allerdings ohne Bier/Rotwein, das ich mir jetzt nach all den Strapazen gewünscht hätte.

Dann fahren wir im Dunkel der Nacht nochmal dreißig Kilometer bis nach Baalbek weiter. (Ja, das berühmte „Baalbek“.) Unsere Straße ist weiterhin stark befahren; sie geht stur immer nur geradeaus. Die syrische Grenze ist nur noch zwanzig Autominuten entfernt.

Hier in Baalbek suchen wir uns ein kleines Hotel und bekommen ein einfaches Zimmer für uns zwei für umgerechnet ca. sechzehn Dollar. Für den niedrigen Preis kann man natürlich kein direkt fließendes warmes Wasser erwarten…

Für warmes Wasser müßten wir erst den Ofen in der Ecke anheizen. Ich bin aber zu müde, um überhaupt erstmal herauszukriegen, womit. Holz, Kohle, Gas…? Also Katzenwäsche mit kaltem Wasser.

 

In der Nacht grüble ich ein wenig darüber nach, ich war doch schon mal in Libanon. Auf einer meiner Reisen durch die USA. Muß ich Morgen mal googeln.

 

Dienstag, 11.08.2020

Baalbek. Wow, wie ich diesen Ort mein ganzes Leben schon „kenne“. In vielen Büchern meiner Jugend (Karl May, Dr. Franz Sättler und einige andere) habe ich über diesen Ort gelesen. Unser Hotel befindet sich dazu in unmittelbarer Nähe der uralten römischen Tempelruinen, „Colonia Heliopolis“; es sind nur ein paar Gehminuten bis zum Eingangstor.

Wikipedia: Die Tempelanlagen von Baalbek enthalten einige der größten und am besten erhaltenen Beispiele für kaiserzeitliche römische Architektur im Nahen Osten und sind in ihrer kunst- und kulturhistorischen Bedeutung mit den antiken Städten Palmyra oder Gerasa zu vergleichen. Sie wurden vor allem im 2. und 3. Jahrhundert n. Chr. errichtet und befinden sich in der Stadt Baalbek im Libanon. Zu den Tempelanlagen gehören das gewaltige Jupiterheiligtum, der außergewöhnlich gut erhaltene sogenannte Bacchustempel und der Rundtempel mit seiner einmaligen Formgebung […].“

Aber erst einmal möchte ich weiteres Geld umtauschen. Dazu „müssen“ wir einen ganz bestimmten Handyladen aufsuchen, um wieder den günstigen Umtauschkurs zu bekommen. (Hier nochmal der Rat, niemals in einer Bank bzw. einer offiziellen Umtauschstelle tauschen!) Der Typ vom Hotel führt uns hin. (Ja, ohne sachkundige einheimische Hilfe würde mir hier sehr Vieles nicht gelingen.) Da ich kein Ladekabel dabei habe, kaufe ich auch gleich ein solches für ca. einen Dollar und kann endlich wieder mein Handy laden.

Schräg gegenüber dem Hotel befindet sich ein kleines ärztliches Laboratorium, und weil wir mit dem Besitzer, Herrn Dr. Jammal, bereits im Hotel in Berührung kamen, (es gehört im wahrscheinlich, oder es trägt ganz zufällig seinen Namen…), zeigt er uns sein gerade leerstehendes (ungewöhnlich sauberes) Haus, in dem demnächst seine Tochter einziehen wird, und sein durchaus professionell aussehendes Laboratorium und dort ein paar Zeitungsberichte über ihn selbst. Ich nutze die Gelegenheit, einen gastfreundlich angebotenen Kaffee zu trinken und bei dieser Gelegenheit mal meinen Blutdruck messen zu lassen. Danach lasse ich mich überreden, einen Labortest machen zu lassen, der mich dann insgesamt lächerlich wenige sechzehn Dollar kostet. Ergebnis: Alles okay. Mein Hausarzt bestätigt mir anschließend zuhause, daß sämtliche Werte offenbar fachmännisch und kunstgerecht ermittelt worden sind. (Meine Skepsis war also total unnötig und ungerecht. Entschuldigung, Dr. Jammal!)

Dr. Jammal und der Autor:

 

Dann laufen wir endlich rüber zur wahrhaft imposanten Ausgrabungsstätte, die seit 1984 zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört. Nassib spricht kurz mit den Wächtern im Kassenhäuschen – und der Eintritt (ca. acht, neun Euro) für uns beide ist merkwürdigerweise erneut frei. Weil gerade Corona herrscht, sind wir tatsächlich die einzigen Besucher im gesamten weitläufigen Gelände. Wow! Erst als wir nach zwei Stunden mit dem Besichtigen fertig sind und dem Ausgang zustreben, kommt uns eine kleine Gruppe arabisch aussehender Leute mit ihrem Guide entgegen. Und, für mich ganz erfreulich, es gibt keinen einzigen Souvenirverkäufer, die einen ja sonst unentwegt anbetteln.

 

 

 

Dr. Jammal empfiehlt uns ein nahegelegenes Restaurant und bringt uns in seinem (vergleichsweise) sehr ordentlichen und gepflegten S-Klasse Mercedes (W126) dort hin. Meine Einladung schlägt er aber leider aus, er hat schon Lunch gehabt. Und Arbeit hat er ja auch genug.

Ich habe Hunger. Frühstück gab es ja mal wieder keins. Das Restaurant ist recht angenehm und es gefällt mir hier endlich mal wieder ganz gut.

Nassib läßt ganz viele Dinge für uns auffahren. Endlich gibt’s auch mal wieder ein kühles Bier, das auch ganz gut aussieht. Doch Enttäuschung, es ist bleifrei (ohne Alkohol). Ich vermeide es bereits mein ganzes Leben, solch eine Plörre zu trinken. Dann lieber gar nicht! Aber das Lokal hat moslemische Besitzer. Und jetzt habe ich echt fetten Durst. Also trinke ich es ausnahmsweise. Aber Genuß schmeckt anders.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Nassib bestellt unter vielen anderen Speisen auch schon wieder je ein Steak für uns beide, obwohl ich ihn schon wieder beim Bestellen darauf hinweise, daß ich kein Fleisch mag – und libanesisches Steak schon gar nicht. Als ich es dann gezwungenermaßen probiere, schmeckt es tatsächlich so, wie ich mir vorstelle, daß eine meiner alten Schuhsohlen „schmecken“ könnte. Es ist auf jeden Fall genauso ungenießbar wie die in Thailand. Dort darf man auch kein Steak bestellen, auch nicht, wenn es angeblich aus Australien importiert worden ist (sein soll…). Nassib ahnt offenbar noch nicht einmal, wie saftig und angenehm ein vernünftiges Steak schmecken kann, so wie bei uns, aber das wird hier bei uns ja leider auch immer seltener. Da ich es nicht essen will, greift er sich kurzerhand den Teller und zieht es sich selbst rein.

Nebenan sind einige Tische besetzt, mit Leuten, die Wasserpfeife rauchen. Ich mag den Rauch, der sich im gesamten Lokal ausbreitet. Also kein Problem. Hier fühle ich mich wirklich wohl. Ich könnte den ganzen Nachmittag hier verbringen.

Als ich bezahle, ist es halb drei. Obwohl hier alles sehr teuer aussieht, ist es ganz günstig. Aber Vorsicht: Auf der Rechnung stehen 100.000 libanesische Pfund, die ich auch bezahle. Offiziell umgerechnet entsprächen sie einem Betrag in Höhe von 68 Dollar. Wegen meines persönlichen Umtauschkurses sind es dann aber nur vierzehn, fünfzehn Euro. Als unwissender Ausländer wird man halt oft von Einheimischen ausgenommen. Aber das ist ja in vielen Ländern so.

 

Auf dem Kassenzettel werden die Libanesischen Pfund zum offiziellen Tageskurs in US-Dollar umgerechnet. Der US-Dollar ist hier im Libanon zweite Währung. Ich würde so also mehr als das Vierfache bezahlen. (67 Dollar statt 15 Dollar.) Wow.

Mein Handy ist inzwischen dank des neuen Ladekabels aufgeladen und ich kann endlich mal die Sache mit Libanon in den USA nachgehen. Ja, auf meinem Motorrad-Trip im August 2013 von New York nach Niagara war ich in „Lebanon, New Hampshire“. Ich erinnere mich jetzt auch immer mehr, der Ort war total unwichtig und ich habe mich da auch nicht gerade wohl gefühlt. Und auf einer unserer Wohnmobil-Reisen muß ich auch mal dort durchgekommen sein. Aber okay, jetzt hier im richtigen Libanon fühle ich mich dafür umso besser.

Anschließend laufen wir zurück zu unserem neuen Freund, Dr. Jammal. Mit Vornamen heißt er Habib. Das ist ein Vorname oder oft auch ein Familienname, und bedeutet im Arabischen oft „Liebling“, und ist ähnlich wie „Habibi“, das ich von einer früheren Freundin kenne, weil sie es mir so beibrachte. Ich habe den Unterschied, falls es überhaupt einen gibt, noch nicht verstanden. Ich darf ihn jedenfalls auch so anreden. Habib hat schon wieder sofort seine Arbeit fallen lassen, genauso wie vorhin, und wir plaudern noch ein bißchen. Dann verabschieden wir uns herzlich voneinander und starten unseren Mercedes.

Ähm, wir wollen ihn starten, doch nix passiert, geht nicht, nada, der Anlasser will mal wieder nicht. Also anrollen lassen. Zum Glück (bzw. mit entsprechender vorsorglicher Voraussicht) hat Nassib unser Auto gestern Abend hier an einer abfallenden Stelle geparkt. Aber auch das Anrollen klappt nicht. Ganz unten stellt sich heraus, daß unser nicht abschließbarer Tank über Nacht ausgesaugt worden ist (sein soll). (Kann ich mir gar nicht vorstellen, Benzin und Diesel sollen ganz billig sein; es würde sich gar nicht lohnen. Pfütze sehe ich unter dem Auto aber auch keine.)

Ein zufällig vorbeikommender Rollerfahrer bietet Nassib an, ihn zur nächsten Tankstelle zu fahren. Dann will noch eine Batterieklemme im Motorraum besser befestigt werden. Öl muß auch noch gecheckt und nachgefüllt werden und schon können wir endlich weiterfahren.

 

Endlich auf dem Weg, sehe ich hier in der Bekaa-Ebene zahlreiche improvisierte und lt. Nassib illegale Zeltlager geflüchteter Syrer. Fotos möchte ich nicht machen, Nassib würde auch gar nicht dafür anhalten. Obwohl er doch zwei Flüchtlingen aus Syrien Obdach gewährt. Ja, sehr widersprüchlich. Die Leute leben unter primitivsten und geradezu unwürdigen Verhältnissen und sie tun mir wirklich sehr leid.

Unterwegs noch ein weiterer kurzer Stopp an einer „Werkstatt“, um die Batterieklemme besser befestigen, eine Sicherung (vom Scheibenwischer) mit einem dünnen Draht flicken, den Verschluß der Motorhaube etwas einfetten und schließlich noch Kühlwasser nachfüllen zu lassen. Das Ganze kostet dann umgerechnet weniger als einen Dollar.

Später müssen wir erneut anhalten, um das überhitzte, kochende Kühlwasser etwas abkühlen zu lassen.

Danach will die Karre mal wieder partout nicht anspringen, obwohl Nassib das Auto mindestens einen Kilometer rückwärts den Anstieg zurückrollen läßt und es dabei zigmal probiert. Erst als er unten am Ende des Anstiegs im Motorraum etwas herumgefummelt hat, schafft er es, den Motor wieder zu starten und wir können endlich wieder weiterfahren.

Wir suchen lange am Nachmittag nach einem ganz bestimmten Ort, irren in der Gegend herum, nur um feststellen zu müssen, daß wir schon wieder falsch bzw. am Ende einer „Straße“ sind, (oder auch schon darüber hinaus,) und fragen unterwegs viele Leute.

 

Endlich, gegen neunzehn Uhr erreichen wir unser Ziel, Bechwat (Bechuat) und die dortige berühmte Kapelle.

Wikipedia (aus dem Englischen übersetzt): Bechouat […] ist ein libanesisches Dorf im Beqaa-Tal im Libanon. Das Dorf ist berühmt für das Heiligtum ‚Unserer Lieben Frau von Bechouat‘, ein Marienheiligtum, und als bedeutender Ort der christlichen Wallfahrt. Es wurden göttliche Wunder berichtet und ‚Unserer Lieben Frau von Bechouat‘ zugeschrieben. […]“

Eigentlich sind es zwei Heiligtümer, eine hübsche, saubere, beeindruckende kleine Kirche und eine ebensolche Kapelle direkt daneben. Auch hier empfinde ich sofort und sehr deutlich, daß das hier ein Magischer Ort ist.

 

Wohltuende Abendstimmung. Jetzt sind die Lampen an:

Während unseres Besuches bricht langsam die Dämmerung herein und wir beschließen, gleich hier im kleinen Hotel neben der Kirche zu nächtigen. Unser Zimmer für zwei Personen kostet dann überraschende vier Dollar. Ich lege zwar keinen Wert auf billige Hotelzimmer, aber dieses hier ist doch recht erstaunlich, denn ich sehe keine größeren Mängel. Zwei ganz normale Betten, Flachbild-Fernseher, Ventilator, Kleiderschrank, in der Dusche warmes Wasser und zum ersten Mal im Libanon sogar mit Duschvorhang, großer Balkon mit ganz viel Aussicht nach Süden, Parkplatz vorm Haus, also alles okay. So billig habe ich noch nie übernachtet, wahrscheinlich überhaupt noch nie in meinem Leben. Nassib packt unterdessen ein paar Reste unseres Mittagessens aus; ich bin noch satt und mag ja auch grundsätzlich keine Reste essen.

BTW: Nassib braucht immer mindestens eine halbe Stunde im Bad. Morgens, mittags, abends, nachts. Ich weiß nicht, warum.

Übrigens, noch etwas fällt mir hier beim Schreiben mal wieder ein: Es waren auf der gesamten Reise keine Kirchenglocken zu hören. Und Moscheen mit ihren völlig bekloppten Lautsprecher-Quälereien habe ich auch auf der gesamten Reise so gut wie nie hören müssen.

Nassib zappt sich heute Abend durch hundert arabischsprechende TV-Programme, die für mich genauso unverständlich wie z.B. Pokerturniere bei uns im Fernsehen sind; ganz zu schweigen von unseren unglaublich langweiligen Dart-Weltmeisterschaften. Als ich endlich gerade so ganz langsam am Wegnibbeln bin, weckt er mich mit der Nachricht aus dem Fernseher auf, daß die Arbeit im zerstörten Hafen Beiruts schon wieder teilweise aufgenommen werden konnte. Das Leben geht also weiter. Beruhigt kann ich mich Umdrehen und versuchen Weiterzuschlafen.

 

 

Mittwoch, 12.08.2020

Trotz Nassibs Fernsehorgie war dies meine bisher angenehmste Nacht. Nicht so warm – nachts kühlt es ein paar wenige Grad ab – und vor allem keine Moskitos, obwohl ich die Balkontür wie immer etwas aufgeschoben habe und direkt am Fenster liege. Ruhig war es sowieso. Die Straße endet hier, also kein Durchgangsverkehr. Trotzdem habe ich nachts eine halbe Stunde wachgelegen und überlegt.

Nassibs abenteuerliches Fahren gefällt mir nicht. Ich kann mich nicht dran gewöhnen! Ich habe sehr oft blanke Angst! Nein, fast immer! Ich fahre ja bekanntermaßen auch gerne schnell, manchmal vielleicht auch zu schnell, aber niemals so unbedacht und nur sehr selten derart lebensgefährlich. Und der Benzingestank macht mir auch Angst um meine Gesundheit. Mein Rückflug wäre eigentlich erst in weiteren zwei Wochen und Nassib will mich auch gerne noch lange durch sein Land fahren, doch ich mag nicht mehr. Das ist mir heute Nacht klar geworden. Ich will heim! Sofort!

Vor allem gab es vorgestern auf dem Herweg ein besonders unangenehmes Erlebnis: Nassib hatte am Nachmittag oben auf dem Bergpass die falsche Auffahrt auf die Schnellstraße genommen und wollte dann nicht erst einmal ein paar Kilometer in der entgegengesetzten (falschen) Richtung weiterfahren, um dann schließlich über eine Ausfahrt ordentlich zu wenden. Nein, stattdessen entdeckte er einen Durchbruch in der betonierten Mittelstreifenbetonmauer, wo unser Auto gerade so durchpaßte, hielt an und quetschte sich durch, wobei hinter uns und vor uns die schnellen Autos auf der Überholspur an uns vorbeirasten. Und statt dann wenigstens möglichst zügig durchzufahren, zögerte er etwas und fuhr viel zu langsam durch. Dadurch „standen“ wir sekundenlang quer zu den von beiden Seiten uns entgegenkommen Fahrzeugen. Die Autos mußten stark abbremsen. Ich dachte, mein Herz würde stehenbleiben. Ich hatte Riesenangst!

Es war ja insgesamt ganz schön und sehr informativ mit ihm und meine Entscheidung fällt mir auch sehr schwer und tut mir auch wirklich sehr leid. Der Libanon ist eigentlich ein ganz angenehmes und interessantes Land zum Reisen, vorausgesetzt, man hat einen guten Führer wie Nassib. Er erklärte mir immer wieder alles Mögliche und gab sich auch redlich Mühe mit mir. Aber diese ständige Angst beim Fahren und die beharrlichen Benzindämpfe waren wirklich nicht mehr länger zu ertragen und deshalb ziehe ich kurzentschlossen die Reißleine. Entscheidungen fallen einem ja oft schwer, ich bin hin- und hergerissen. Aber ich bleibe dann endgültig bei meinem nächtlichen Entschluß. Mein bisheriger, leicht abgeänderter, Wahlspruch trifft halt doch nicht immer zu: More risk, more fun! Das hier war und ist mir dann doch zuviel „Risk“.

Meinen ursprünglichen Arbeitstitel „Mein Trip nach Tripolis“ kann ich jetzt aber knicken und muß mir nun stattdessen etwas anderes aussuchen.

Ich benutze eine (hoffentlich ausnahmsweise erlaubte) kleine Hilfsnotlüge und sage Nassib, daß meine Frau zuhause krank ist und mich dringend braucht. Es geht ihr gerade auch wirklich nicht gut, sie hat in den letzten Jahren immer mal wieder mit unangenehmen Nierensteinen zu kämpfen und muß dann immer für zwei Tage ins Krankenhaus. Jetzt auch. Die Nachbarin würde sie hinfahren, aber das muß ich Nassib ja nicht unbedingt sagen. Er würde die Wahrheit nicht verstehen. Deshalb verwende ich jetzt gerne diese kleine List. Hinzu kommt, daß es Hannelore zuhause gar nicht gut geht. Nassib ist ein lieber und hilfsbereiter Kerl und ich will ihn auf gar keinen Fall kränken, für ihn ist seine Fahrweise halt völlig okay. Deshalb hat er auch auf meine Empfehlungen und Bitten langsamer bzw. vorsichtiger zu fahren immer mit totalem Unverständnis (und verstohlenem Kopfschütteln) reagiert. Und er ist selbstlos bereit, mir volle drei Wochen Lebenszeit zu schenken. Wer täte das sonst für mich???

Okay, Nassib willigt schließlich ebenso verwundert wie ungläubig in meinen Wunsch ein, mich bitte zurückzubringen, und wir machen uns auf den Rückweg. Das hier vom Hotelchef angebotene Frühstück (fünf Dollar für uns beide) ist Nassib morgens zu teuer und so fahren wir mal wieder ohne ein solches ab. (Ich frage mich unterwegs mal wieder, warum ich immer so rasch nachgebe.)

 

Der „fahrbereite“ Firmenwagen des Hotels:

Die Straße bergab ins Tal bis zur Hauptstraße entpuppt sich als gerade neu fertiggestellt und endlich geht es mal ohne Hoppeln, Schütteln, Knarzen, Quietschen. Es sind aber leider auch nur etwa zehn Kilometer.

 

Hier unterwegs sehe ich das einzige (private!) Windrad auf dieser Reise. Wozu auch, Strom ist im Libanon sehr billig.  Stromausfälle sind allerdings die Regel, jeden Tag, jede Nacht.  Trinkwasser, Benzin/Diesel, Internet, Handy, alles auch sehr billig. 

 

 

Militärischer Checkpoint. Einer von vielen:

 

Bekaa-Ebene, Richtung West. Außerordentlich fruchtbar. Hier wächst alles! Auch ein paar Weinberge gibt es hier. Hinter den Bergen liegt Beirut:

Wikipedia: „Die Ebene ist die nördliche Fortsetzung des Jordangrabens und damit Teil des Großen Afrikanischen Grabenbruchs. Sie ist ungefähr 120 km lang und 8 bis 12 km breit und liegt eingebettet zwischen dem Libanongebirge und dem Anti-Libanongebirge auf einer Höhe von ca. 900 m…“

 

Wir nehmen die absolut gleiche Strecke wie vorgestern hierher. Zunächst nach Zahlé, den Berg hinauf und dann wieder bergab. Alles genau wie vorgestern. Einziger Unterschied: Heute sind die Berge sonnig, kein Wölkchen. Heute hätten wir beim Wandern von da oben eine Superaussicht gehabt.

 

 

Hier füge ich mal ein Video bei, daß ich auf der Fahrt von Zahlé Richtung Nassibs Zuhause gemacht habe. (Hmm, es sind vier Teile, alles zusammen in einem Teil war wohl zuviel für den Handyspeicher. Er nimmt längstens etwas über acht Minuten auf. Sorry.):

 

 

Wir kommen mittags zuhause an und es gibt endlich auch mal wieder was zum Essen. Gut gestärkt sausen wir anschließend runter nach Sidon zum dortigen MEA-Laden und tauschen mein Ticket um; ich bezahle für die Umbuchung schlappe fünfzig Dollar (ungefähr 42 Euro). Leider liegen meine Dollars zuhause bei Nassib, deshalb muß ich per Kreditkarte bezahlen. Ich kann es erst gar nicht glauben: Telefonisch war es nämlich zunächst erst gar nicht möglich und als es dann in der Hotline doch ging, war es (mit fünf-, sechshundert Euro) unglaublich und überhaupt unakzeptierbar teuer. Ich bin doch nicht blöd! Nassib hat sich erneut als immer hilfsbereit und geradezu unbezahlbar erwiesen. Bei Schwierigkeiten, gerade in einem arabischen Land, braucht man solch einen guten Freund!

 

Leider gibt es hier in der Stadt mal wieder ein unliebsames Erlebnis: Eine Frau blockiert mit ihrem Land Rover direkt vor uns die rechte Abbiegespur an einer roten Ampel. Da dürfte sie eigentlich nicht stehen, denn wie in vielen Ländern darf man im Libanon bei einer roten Ampel trotzdem abbiegen. Und weil Nassib wegen ihr anhalten muß und nicht abbiegen kann, steigt er aus und schnauzt die arme Frau heftig an. Ich habe Angst, daß er sie schlägt. Wieder eingestiegen will er das gegnerische Auto kurzerhand rammen und so wegschieben, weil die Arme nur einen knappen Meter und damit viel zu wenig vorgerückt ist! Nur mit Mühe kann ich ihn davon abhalten. Aber er fährt wütend mit den rechten Rädern auf den hier sehr hohen Bürgersteig und quetscht sich, weiter umsichschreiend, am Land Rover vorbei. Und biegt ab. Wow, so einen Anfall hat er bisher noch nicht gehabt! Ich habe Angst.

Dann tauschen wir mein restliches libanesisches Geld in Dollars zurück, natürlich wieder bei einem von Nassibs Freunden, und fahren ohne weitere Vorkommnisse zurück.

Nachmittags packe ich meine Siebensachen und lege mich vorsorglich noch für ein Stündchen hin.

Abends kommen noch Nassibs Cousin George (aus der Steinmetzfirma) und dessen Papa zu uns und wir genießen ein wirklich üppiges Abendessen mit BBQ und recht viel italienischem Rotwein. Ich fühle mich ein wenig an Asterix & Obelix erinnert, wo nach dem guten Abschluß der Abenteuer regelmäßig ein großes Festmahl stattfindet. Der griechische Philosoph Poseidonios erzählt uns dazu: „Wenn sie essen, sitzen sie auf Wolfs- oder Hundefellen am Boden, in einem Kreis und an einem langen Holztisch. Nahe der Stelle, wo sie essen, ist das Feuer, auf dem Kessel mit Fleisch stehen und über dem Spieße mit Fleisch hängen.“ Quelle: Wikipedia.

 

Gegen zweiundzwanzig Uhr gehe ich Schlafen.

 

 

Donnerstag,13.08.2020

3:00 Uhr nachts. Mein Wecker macht Radau. Ich wecke Nassib. Eine halbe Stunde später fahren wir ab. Es geht schon wieder wie irrsinnig den Berg hinunter nach Sidon am Mittelmeer und dann auf der Schnellstraße nach Norden. Ich habe Angst.

Solch eine Nachtfahrt schenkt einem weitere, dringend notwendige Erkenntnisse in Bezug auf den libanesischen Verkehr: Uns auf der Schnellstraße entgegenkommende Autos fahren grundsätzlich und immer mit grellem Fernlicht. (Auf einer Landstraße „oft“.) Nassib muß dann jedes Mal heftig abbremsen, weil wir schmerzhaft geblendet werden und wegen unserer schmutzigen Scheibe kaum noch etwas erkennen können. Und weil bei uns am Auto nur noch ein altersschwacher Scheinwerfer recht wenig Licht spendet. Ich habe weiterhin Angst.

Außerdem dürfen wir dunkelgekleidete und oft ohne jegliches Licht fahrende und deshalb fast unsichtbare Zweiradfahrer (Moped und Roller) nicht übersehen. Unglaublich! Es passiert wirklich oft, daß Nassib sie erst im letzten Moment sieht und dann einen blitzschnellen kleinen Schlenker machen muß. Ich kann gar nicht verstehen, warum die sich so völlig unnötig derart großer Lebensgefahr aussetzen! Das macht mir Angst!

Doch alle meine Gebete werden oben erhört und wir erreichen den Flughafen mit Mühe und Not und unverletzt und ohne irgendwen/-etwas überfahren zu haben morgens gegen viertel nach vier. Alhamdlilah. Gottseidank.

Nassib bringt mich noch in das kleine übersichtliche Flughafengebäude und dann verabschieden wir uns herzlich voneinander. Shukran jazilaan, Nassib. Vielen Dank für alles, Nassib! Klar, logisch, natürlich bedauere ich es, daß ich schon wieder heimfliege. So vieles habe ich auf mich genommen, um endlich hierher zu kommen. Und Nassib hat alles Mögliche für mich getan. Und jetzt zieh ich den Schwanz ein und mach einen ängstlichen Rückzieher. Und dabei mag ich ja eigentlich risikoreiche Urlaube. Aber es ist besser so. Diese Todesängste beim Fahren will man nicht haben und ich kann sie auch nicht länger ertragen. Das will niemand! Auch ich nicht! Andere Menschen, die meisten anderen, hätten nicht so lange und so geduldig durchgehalten.

Zuhause rechne ich mal unsere Wegstrecke nach: Wir dürften insgesamt so etwas über achthundert Kilometer zusammen zurückgelegt haben. Der Libanon ist wirklich recht klein. (In etwa so wie Zypern. Oder halb so groß wie Hessen.)

Check-in und Paßkontrolle im Flughafen sind schon wieder erstaunlich einfach und schnell. Ich warte noch zwei Stunden am Gate. Wir hätten also gerne noch länger schlafen können. Dann besteige ich endlich den Flieger. Diesmal muß ich mich mit der Economy-Klasse begnügen, ich habe diesen Flug ja erst ganz kurz vor meinem Abflug gebucht. Business wäre zu teuer geworden. Sind ja auch nur wieder vier Stunden Flugzeit. Hier gibt es übrigens die gleichen Verpflegungs-Schachteln wie vorne in der Business-Class auf dem Herweg. Aber, ich habe schon wieder insoweit Glück, daß ich ganz vorne in der zweiten Economy-Reihe sitze – und der Platz direkt neben mir wird nach dem Rollen auch noch freigemacht, weil der Typ sich umsetzt. So habe ich es während des Fluges doch noch relativ bequem und nach der Landung komme ich schneller raus.

Wieder reist eine Gruppe THW-Leute mit uns, diesmal ohne erkennbaren Hund – und sie dürfen die Business-Sitze belegen, was natürlich völlig okay ist, denn sie hatten bestimmt genug Kummer, Leid und Stress bei den Aufräumarbeiten an der Explosionsstelle ertragen müssen.

Wir starten fahrplanmäßig gegen 7:15 Uhr in einem neuwertigen A321neo.

Frankfurt erreichen wir gegen 10:20 Uhr. Paßkontrolle, der lange Fußmarsch bis an die Gepäckbänder und den gerade herausplumpsenden Koffer greifen. (Logisch, mußte ja so sein: Er ist einer der ersten auf dem Band! grins + freu) Durch den Grünen Kanal und nix wie raus. Mein Taxi wartet bereits auf mich und gegen zwölf Uhr bin ich wohlbehalten wieder zuhause. Wow! Besser geht nicht! Hamdullilah. (Gott sei Dank.)

Den doofen Coronatest erspar ich mir jetzt und begebe mich stattdessen lieber in die „Häusliche Quarantäne“. Muß mich ja jetzt sowieso erst einmal ausruhen und von den Strapazen erholen – und ganz schön viel Arbeit nachholen. Und eingefangen hab ich mir ja sowieso nichts. (Was sich im Laufe der vierzehn Tage auch tatsächlich als richtig herausstellt.)

Also alles mal wieder gut überstanden. Adeste Fideles… (Nun freuet euch, ihr Christen, singet Jubellieder…)

Mein Rat nach all den vielfältigen Erfahrungen meiner Reise: Wer den Libanon (später, nach Corona) besuchen möchte, sollte es unbedingt tun. Er ist für uns ein eigentlich angenehmes Land. Voraussetzung ist allerdings, daß es eine geführte Gruppenreise ist, in der alles organisiert wird. Dann kann man nichts falsch machen. Und trotzdem ist es dann mal keine dieser weichgespülten und alltäglichen Langweiler-Reisen, wie sie sonst üblich sind und wie wir sie alle längst zur Genüge kennen. Zum Beispiel Kanarische Inseln, Türkei, Spanien, Südafrika, Thailand usw. Also eher wie eine Reise nach Indien, Mexiko, Sri Lanka, Südamerika…

Mein Eindruck zur Ammoniumnitrat-Explosion in Beirut am 4. August 2020: Ich habe gelegentlich mit Libanesen (und Libanesinnen) über die Explosion gesprochen. Jeder wußte natürlich davon. Das war aber auch alles. Direkt Betroffene kannte keiner von ihnen. Im Epizentrum und im Umkreis von vielleicht zehn/zwanzig Kilometern war und ist es das Ende der Welt. Apokalypse. Aber außerhalb dieses Kreises gab es keine sichtbaren oder spürbaren Folgen und das Leben war total unverändert.

Weitere Info: Kurz nach der Explosionskatastrophe ist die gesamte Regierung des Libanon am 10. August 2020 eben wegen dieser Explosion zurückgetreten und hat damit das Land erneut in eine schwere Krise, „die schwerste seit dem Bürgerkrieg“, gestürzt. Am 1. September 2020 wurde der ehemalige libanesische Botschafter in Berlin zum neuen Ministerpräsidenten gewählt. Außer dieser politischen Krise gibt es eine immer schwieriger werdende Finanzkrise und dazu auch noch die sich wieder verschärfende Coronakrise und Inflation. Ich bedauere die Menschen im Libanon.

Zur Explosion habe ich diesen wichtigen und geradezu haarsträubenden Artikel bei Wikipedia gefunden:

Explosion in Beirut

Sollte man unbedingt lesen! Ist wirklich außerordentlich informativ. Und enthält viele kaum zu glaubende Fakten wie es dazu kam. Oder hier ganz kurz zusammengefaßt:

www.DerLibanon.de:  „Das Ammoniumnitrat war als Sprengstoffmaterial 2013 auf dem moldauischen Küstenschiff ‚Rhosus‘ von Georgien nach Mosambik unterwegs. Das lecke Schiff sollte unterwegs in Beirut Waren aufnehmen. Die libanesischen Behörden ließen es wegen seines Zustandes nicht mehr auslaufen. 2014 gaben die Besitzer das Schiff auf. Später wurde das Ammoniumnitrat in das Lagerhaus Nummer 12 gebracht. Trotz Warnungen blieb es dort, bis es schließlich zur schrecklichen Explosion kam.“

 

Hier ein paar zusätzliche Informationen zum Libanon:

Banken sind die unsichtbare Macht im Staate. Im Bürgerkrieg (1975-1990) wurde die halbe Stadt zerstört. Nur die Straße, in der fast alle Banken ihren Sitz hatten, blieb größtenteils verschont – weil dort alle Kriegsparteien ihr Geld deponiert hatten.

Viele wirklich weltweit arbeitende ganz wichtige und ganz reiche Geschäftsleute, Hotelmanager, CEOs, Banker, Unternehmer, stammen aus dem Libanon. Libanesen sind also ausgezeichnete Kaufleute. Das dürften aber auch alles ordentlich erzogene Christen sein. (So wie Terroristen meistens Moslem-Leute sind: siehe bei Wikipedia „Islamistischer Terrorismus“ u. a.) 

Beirut kann/konnte man durchaus mit anderen teuren Hauptstädten vergleichen. Banken, Luxusgeschäfte, Luxushotels, Sterne-Restaurants, alles da. Auch die Uferpromenade (Corniche) ist (war) der in Marseilles, Nizza, Alexandria sehr ähnlich.

Aktuell sollen es inzwischen fast 62% Muslime, 30% Christen sowie 8% Drusen sein. Die Islamleute vermehren sich halt überall wie die, ich bitte um Entschuldigung, wie die Karnickel.

Dort, wo in und um die Orte herum viel Müll rumliegt, ist meistens Moslem-Land. In den christlichen Ortschaften ist das nicht so schlimm zu sehen.

Der Libanon ist mit etwas über 10.000 km² relativ klein. Die Niederlande oder die Schweiz sollen etwa viermal so groß sein, Belgien etwa dreimal so groß, Hessen etwa doppelt.

 

 

Meine persönlichen Libanon-Erfahrungen:

Steckdosen für Eurostecker ohne Probleme. Überall 220 Volt.

Ich habe mir die Zähne immer mit dem Wasser aus dem Wasserhahn geputzt. Den manchmal kolportierten Salzgehalt des Leitungswassers kann ich nicht bestätigen.

Eiswürfel und Salat haben mir (bzw. meinem Verdauungstrakt) auch keinerlei Probleme gemacht.

Höchste Sorgfalt beim Geldwechsel beachten! Nicht und niemals in der Bank! Schlechter, nein, sehr schlechter Umrechnungskurs. Lieber einen Einheimischen zurate ziehen, auch wenn dessen Hilfe vielleicht etwas kostet!

Selbstfahren geht nicht. Wahrscheinlich gibt es auch gar keine Vermieter für uns Westmenschen. Update: Nach meiner Rückkehr habe ich es mal gecheckt. Doch, man kann (könnte) hier Autos mieten, was ich doch für recht erstaunlich halte. (Haben die Vermieter keine Angst um ihre Autos?!) Aber ich bleibe dabei, man sollte es vernünftigerweise eher nicht machen. Selbstfahren im Libanon ist Hardcore. Thailand und Bangkok zum Beispiel ist dagegen Kinderspielplatz. Und die unzähligen Checkpoints dürften auch etwas schwierig zu passieren sein, weil man oft mit den Soldaten sprechen muß. Und wenn es doch sein soll, dann nur mit der besten (teuersten) Versicherung! Und gutem Navi, falls es so etwas dort überhaupt gibt, denn die Beschilderung ist miserabel. Für uns Westleute ganz bestimmt. Zumal es in den kleinen Orten oft gar keine Straßennamen gibt. Auch das Auswärtige Amt rät davon ab, „allein durchs Land zu reisen oder sich einen Mietwagen auszuleihen“.

Mittelstrich, Seitenlinie, Leitplanken gibt es auf den normalen Straßen grundsätzlich nicht. Auch auf den Schnellstraßen sind sie meistens nur noch zu ahnen. Ampeln nur extrem selten in den Städten. Polizei auch nur selten. Ich habe überhaupt nur zwei, drei schmutzige, klapprige und verbeulte Polizeiautos (Dodge Charger) gesehen. Primitive militärische Checkpoints gibt es dagegen oft.

Keinerlei Geschwindigkeitskontrollen, kein Laser, keine Blitzer, keine Radarfallen.

Bei wenig Verkehr darf man auch bei Rot langsam durchfahren.

Regen gab es keinen. Es war immer sonnig und warm. Nachts immerhin leichte Abkühlung.

Insgesamt ist der Libanon ausgesprochen billig. Solang man meine obigen Ratschläge zum Geldumtausch beherzigt.

Von Hisbollah, PLO und anderen streitenden Parteien habe ich nichts mitbekommen. Von Corona auch nicht.

Und zu guter Letzt: Im Libanon braucht man starke Nerven. (Thailand ist besser, sehr viel besser, und schöner und grüner und angenehmer und überhaupt… Thailand ist (war) halt das Paradies!)

 

Für den Fall, daß wirklich jemand unter Euch eine Reise in den Libanon machen möchte, diese Highlights hatte ich mir vorher rausgesucht und kann sie deshalb gut weiterempfehlen: 

            • Wadi Qadischa: Weltkulturerbe mit faszinierender Natur
            • Burg Gibelet: Kreuzfahrerburg im antiken Byblos
            • Eschmun-Tempel: antike Ruine in Sidon (obwohl wir mehrmals durchgefahren sind, war keine Zeit…)
            • Jeita Grotte: sensationelle Tropfsteine

Vielleicht mache ich ja doch nochmal eine Tour in den Libanon. Jetzt, wo ich weiß, wie dort der Hase läuft, könnte ich mich vielleicht, unter Umständen, eventuell, möglicherweise, an einen solchen Gedanken gewöhnen. Um dann alles nachzuholen. Aber erstmal muß Nassib ein anderes Auto haben! Ich bin mir dabei sicher: Natürlich würde es wieder ein Mercedes werden!!! 100 Prozent! Mal abwarten…

 

Und hier noch ein paar weitere Fotos zur Reise:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein Lebensmüder. Der Lkw fährt ganz normal durch die Stadt! U(nd der Typ sitz locker auf seinem Moped und spielt an seinem Handy. Nicht zu fassen!

 

 

 

 

 

Ich habe auch ein paar kurze Videos bei Youtube eingestellt. Hier sind sie abrufbar:

https://www.youtube.com/watch?v=U31SEWyQmRI&list

https://www.youtube.com/watch?v=2yPjsvxFyu0

https://www.youtube.com/watch?v=UudCWPm8OR8

https://www.youtube.com/watch?v=6RtoXsxUd2g

https://www.youtube.com/watch?v=bVCQxUzCiMI&t=118s

https://www.youtube.com/watch?v=49Ge4L3-Fws

https://www.youtube.com/watch?v=joTXNCQQfuA&t=68s

https://www.youtube.com/watch?v=WJsqaNP57pk&t=4s

https://www.youtube.com/watch?v=qdpuh8pnq3M&t=145s

 

Achtzehn (18) anerkannte Religionsgemeinschaften gibt es im Libanon. Da sind die Streitereien untereinander ja bereits vorprogrammiert. Hinzu kommt eine unglaublich verschachtelte Korruption und dann noch die ständigen Machtkämpfe der vielen verfeindeten politischen Interessengruppen. Dies alles und noch mehr problematische libanesische/arabische Besonderheiten lassen einfach keine vernünftige Politik im Land zu. Es ist erstaunlich, daß es doch noch immer irgendwie weitergeht.

Aktuell aus dem Internet: „Das Land am Mittelmeer leidet seit langer Zeit unter einer schweren Finanz- und Wirtschaftskrise, die viele Libanesen in die Armut getrieben hat. Die Corona-Pandemie und die schwere Explosion haben die Lage weiter verschärft. Demonstranten werfen der politischen Elite des Landes immer wieder Korruption und Selbstbereicherung vor.“

Anmerkung von mir: Selbstbereicherung? Machen das nicht fast alle Politiker? Jeder? Weltweit!? Und jegliche mögliche persönliche Vorteilnahme doch sowieso! Aber im Libanon ist die Raffgier wirklich sehr nachteilig für das gebeutelte Land.

Diese schrecklichen Politiker an der Spitze sind allesamt Anführer großer, starker, unglaublich reicher Clanfamilien, die auf nichts davon verzichten wollen und die allesamt ihre Machtanteile beibehalten wollen.

Und ganz schrecklich ist die vom Iran gesteuerte Hisbollah, die über allen schwebt und an den Fäden zieht.

Deshalb wird der Libanon niemals gesunden und nach meiner persönlichen Einschätzung stattdessen immer weiter „den Bach runtergehen“. Ich bedauere dieses an sich schöne Land zutiefst.

 

~~~

 

Und noch ein aktueller Nachtrag: Heute, am Sonntag, 23. August 2020, beglückwünscht mich Nassib zu meiner rechtzeitigen Entscheidung, unsere Reise vorzeitig abzubrechen. Ursprünglich wäre ich ja erst zwei Wochen später, Donnerstag, 27. August 2020, heimgeflogen. In den letzten Tagen hätten sich die Corona-Fälle wegen der Explosionskatastrophe auch im Libanon wieder erschreckend stark erhöht und es gebe aktuell einen neuen Lockdown. Man spreche in den Nachrichten inzwischen sogar schon von „italienischen Verhältnissen“. Nassib überlegt gerade ganz aktuell, ob er vielleicht zu Freunden in Jordanien flüchten sollte.

Das libanesische Innenministerium teilte mit, dass das öffentliche Leben ab Freitag 21. August für zwei Wochen weitgehend stillgelegt werde, um die Ausbreitung des Coronavirus zu verlangsamen. Bis zum 7. September soll zudem eine Ausgangssperre von 18 Uhr abends bis 6 Uhr morgens gelten. Geöffnet bleiben Krankenhäuser und Lebensmittelläden sowie der Flughafen von Beirut.

Also (ausnahmsweise) mal alles richtig gemacht. (freu)

 

Weitergehende Informationen zum Libanon gibt’s hier:         www.DerLibanon.de

 

 

Ende

 

 

P.S.: Sowohl meiner Frau wie auch Hannelore geht es inzwischen wieder besser. Beide sind längst wieder wohlauf.

 

 

                                                                     

 

Nachtrag 2: Oktober 2020. Nassib  lädt mich erneut zu sich ein. Würde inzwischen ja auch ganz gerne, um alles Nichtgetane endlich nachzuholen. Ist mir aber wegen sich täglich/stündlich ändernder Corona-Bedingen zu riskant. Warte lieber bis zum nächsten/übernächsten Jahr.

 

Und hier noch ein technischer Hinweis in eigener Sache:

Das Webseiten-Programm, das ich hier verwende, treibt mich oft und immer wieder neu zur Verzweiflung, weil es sich gegen alles Mögliche sperrt. Ich bitte also um Nachsicht, wenn meine Beiträge an manchen Stellen etwas unbeholfen erscheinen. Bin halt kein Nerd. (Sehe ja viel zu gut aus und trage auch keine Brille…)

Und die Foto-App von MS macht mir auch ständig Probleme. Vor allem, weil ich jetzt auf einmal meine Fotos nicht mehr ausschneiden kann. Ist zum Kot…

 

Text und Fotos sind grundsätzlich nur zum privaten Gebrauch bestimmt! 

Jegliche kommerzielle Nutzung, Vervielfältigung oder Veröffentlichung einschließlich der Speicherung auf elektronischen oder sonstigen Datenträgern ist ausdrücklich untersagt und nur mit schriftlicher Zustimmung des Autors gestattet.

~~~

Besonderer Hinweis zum Persönlichkeitsrecht dritter Personen:

Sollten sich auf meinen Fotos zufällig erkennbare andere Personen befinden, die dieses nicht wünschen, dann bitte ich hiermit

schon im Voraus um Entschuldigung und um Nachricht an mich unter

virmond@t-online.de

Die Personen werden selbstverständlich sofort unkenntlich gemacht,

oder die betreffenden Fotos werden von mir umgehend gelöscht.

 

 

© WILFRIED VIRMOND 2002 – 2020

Sorry, ich bin oldschool und verwende deshalb größtenteils die alte Rechtschreibung

Alle Rechte vorbehalten – All rights reserved

Written with my own heart blood in EU

 

 

 

    >>>         Wilfried Virmond

 

 

 

Heutiger Kalenderspruch:

 

Wenn Du einen Flip verloren hast, weine nicht!

Du hast doch noch den Flop.

(Konfutse)                        

 

 

________________________________________________________________________________________________

Dieser Reisebericht darf nur von Personen mit Wohnsitz oder gewöhnlichem Aufenthaltsort in Deutschland gelesen werden