Ich möchte ein Superheld sein (Ein Essay)

 

 

Mein Wunschtraum…

 

Ich steh im Stau. Langweilig. Gedanken gehen mir durch den Kopf. Mal wieder. Wie so oft, denk ich über die Idioten, ähm, Verzeihung, über die „Im Stau-Stehenden“ vor mir nach.

Ich möchte so sein wie…, ähm, wie hieß der Typ doch gleich? Na, der mit der Augenmaske. Nein, nicht Phantom. Nein, auch nicht Batman oder Robin oder wie die alle heißen. Fuck, jetzt fällt mir der Name schon wieder nicht ein. Wie der Name dieser blöden Krankheit. Ah, jetzt weiß ich’s wieder. Zorro! Nein, nicht die Krankheit. Der Typ mit den schwarzen Klamotten und mit der Peitsche. Die Krankheit heißt Alzheimer oder Demenz. Will niemand bekommen. Okay, man will überhaupt keine Krankheit bekommen. Krankheiten sind blöd. – Außer vielleicht Schwangerschaft. Aber das ist ja auch keine Krankheit.

Jedenfalls, ich wäre gern wie Zorro. Rächer der Armen. Innendrin bin ich längst wie Zorro. Schon immer. Ich würde so manchen Leuten zu gerne mein „Z“ auf die Stirn oder auf den Hintern peitschen, brennen, schneiden. Schon lange! Viele ham’s verdient!

Zorro hat alle, die ihm in die Quere kamen, mit seinem „Z“ versehen. Räuber, Mörder (bevor er sie kalt gemacht hat), Blödmänner, Vergewaltiger, Einbrecher, Beutelschneider, einfach jedem, der es verdient hat, hat er eins übergebraten. Er konnte halt keine Ungerechtigkeiten vertragen.

Schwarze Klamotten, schwarze Augenmaske, schwarze Peitsche. Schwarze Schuhe. Logisch. Schwarzer Hut. Gehört auch dazu. Einfach alles in Schwarz. Handschuhe natürlich auch. Schwarze Unterwäsche bestimmt auch. Praktisch, braucht man alles nicht so oft zu waschen.

Statt des schwarzen Hengstes hätte ich heute natürlich ein Auto. Japanisch bzw. asiatisch? Nee, geht eigentlich gar nicht. Deutsch? BMW? Mercedes, Porsche? Nein. Ah, jetzt weiß ich’s, ist doch klar: Ein schwarzes Motorrad muss es sein! Nein, keine Enduro, so weit reichen meine Beine nicht runter. Scooter bzw. Roller geht auch nicht. Sähe blöd aus. Vielleicht ’ne Ninja. Gibt’s die überhaupt in schwarz? Ich glaub ja. Jetzt fällt mir erstmal nichts mehr ein. Muss ich gleich nochmal drüber nachdenken. Vorne geht es wieder weiter.

Okay, Schwarz würde mir jetzt vielleicht auch nicht so gut stehen. Ich bin etwas zu klein für Schwarz. Man würde mich wahrscheinlich „Kleiner Zorro“ nennen. Klänge jetzt nicht so gut. Vielleicht müsste ich eine andere Farbe für mein Outfit wählen. Gelb? Nein, bin ja nicht Biene Maja. Grün? Hm, wäre ja jetzt angesagt. Nee, kein Grün! (Song: „Wer nichts gelernt hat – geht zu den Grünen.“ Sorry.) Rot? Nein, geht auch nicht. Blau? Nein, geht erst recht nicht! Lila? Nee, lila auch nicht. Lila gleich letzter Versuch. Muss ich also noch weiter drüber nachdenken. Is‘ wichtig! Auf jeden Fall brauche ich schonmal unsichtbare hohe Absätze.

Jeder, der mir quer käme, würde ab sofort mit meinem „Z“ verziert. Bahnschaffner, die mir blöde Fragen stellen. Verkäuferinnen im Supermarkt, die die Wurstscheiben mit bloßen Händen anfassen. Typen, die sich an Warteschlangen vorbeidrängeln. Nervige Polizisten. Unverschämte Drängler auf der Autobahn – ja, okay, ginge nicht, höchstens die im Cabrio. Die aufdringlichen Security-Schneebrunzer im Flughafen. Lügner. Langweiler. Leute, die einem immer wieder dieselben Geschichten erzählen. Vor allem auch die mit ihren Krankengeschichten, die niemand hören will. Geizige Bankangestellte. Alle.

Zum Üben nähme ich erst einmal ein großes Stück Käse. Die Verkäuferin müsste ihn nur einfach vor sich halten. Ruckzuck das „Z“ rein. Oder ins Brot. Ins Schnitzel, wenn’s groß genug wäre. Ja, logisch, zum Schluss die Hände, denn man fasst das alles nicht mit nackten Händen an!

Später dann ans neue Auto. An beide vordere Türen. Klar, logisch, mit Spray!

Oder in den Sattel meines Motorrads. Mit dem Messer und gaaanz vorsichtig. „Zorro!“ hieße das! Sähe doch gut aus!

Auch wenn ich mir etwas Neues kaufen wollte, würde erst einmal ein „Z“ reingeschnitten. Eigentümer Zorro!

Auf den neuen Flachbildschirm. Nein, nicht vorne, ich bin doch nicht blöd, Digga. Hinten! Gehört Zorro!

Neue Freundinnen bekämen ein zierliches „Z“ auf den, ähm, auf das Pobäckchen tätowiert. „Zorro was here“.

Gefällt mir immer mehr. Könnte ich mir alles ganz gut vorstellen.

Ah, es geht wieder ein Stück weiter, die Warteschlange rückt erneut ein bisschen weiter vor.

Diese Gedanken lassen Langeweile weniger langweilig sein.

Muss ich mir heut Nacht vor dem Einschlafen noch etwas mehr ausmalen.

Nur noch ein paar Autos vor mir, dann hab ich endlich wieder freie Bahn.

Aber schade, leider alles nur ein Wunschtraum…

 

 

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